Sport : Euphorie auf Widerruf

Erinnert sich noch jemand an den vorigen Herbst? An die tiefe Depression, als Oliver Bierhoff gegen die Finnen bei diversen Versuchen das Tor nicht traf? An die Angst der Deutschen vor der Fußball-Weltmacht Ukraine? Und an die begründete Furcht, die Qualifikation für die Weltmeisterschaft nicht zu schaffen? Vorbei, vorbei, vorbei. Jetzt haben wir die Israelis 7:1 geputzt, dabei sieben Tore in einer Halbzeit geschossen, was uns zuletzt in Zeiten von Uwe Seeler und Gerd Müller gelungen ist. Und wenn in dreieinhalb Monaten die WM beginnt, dann ... Ja was dann?

Rudi Völler und sein Team machen es einem wirklich nicht leicht. Als die Nationalelf im August Ungarn 5:2 deklassierte, faselte Fifa-Präsident Blatter bereits von südamerikanischen Fußballkünstlern in schwarzweißen Trikots. Zwei Wochen später kamen die Engländer. Das Ergebnis möchte man gerne vergessen. Der Deutsche an sich neigt in solchen Momenten zu Anflügen von Weltuntergangsstimmung. Umso schwerer fällt eine realistische Einschätzung der tatsächlichen Leistungsstärke des deutschen Fußballs. Nach dem 7:1 zählen die Deutschen vermutlich wieder zum engeren Favoritenkreis für die WM - so lange, bis es, nach dem Gesetz der Völlerschen Inkonstanz, im April gegen den wirklichen WM-Favoriten Argentinien eine harsche Niederlage setzt und danach das nationale Jammern wieder losgeht.

Aber man muss doch, bitte schön, nicht immer alles so negativ sehen. Auch nicht den Sieg gegen Israel. Von wegen: Wer ist schon Israel? Man könnte mal die Österreicher fragen, die in der WM-Qualifikation erst mit einem Freistoßtor in letzter Minute wenigstens ein Unentschieden gegen die Israelis geschafft haben. Man könnte an jene Allerweltsweisheit erinnern, die einem die übervorsichtigen Fußballer vor Spielen gegen Moldawien, Malta oder San Marino in Männerchorstärke vorsingen - dass es nämlich im internationalen Fußball keine leichten Gegner mehr gibt, Israel folglich kein leichter Gegner gewesen sein kann. Und man muss auch erst einmal sieben Tore in 45 Minuten schießen, egal gegen wen.

Vor allem muss man die in einem unbedeutenden Freundschaftsspiel erst einmal schießen wollen. Das ist für Rudi Völler vermutlich noch erfreulicher als das Ergebnis. Die Mannschaft, die am Mittwoch gespielt hat, eine bessere Reserve, hat etwas gezeigt, was hoch bezahlten Fußballern heutzutage nahezu kollektiv abgesprochen wird: so etwas wie Charakter. Im Hinblick auf die Weltmeisterschaft hätte das Spiel gegen Israel schlimmere Erkenntnisse bringen können.

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