Sport : Euphorie in der Trostlosigkeit

Helen Ruwald

Der Passagier, der gestern Morgen um kurz nach zehn an Gate 14 des Flughafens Tegel aus Istanbul ankam, konnte nicht einmal sein Gepäck selber tragen. Der rechte Arm des Mannes steckte dick eingebunden in einer Schlinge, die Jacke hing locker über der Schulter. Marko Pesic, Basketball-Nationalspieler von Alba Berlin, kam ohne Gepäck, aber mit Frust. "Wenn ich länger gespielt hätte, hätten wir gewonnen", sagte Pesic. Doch er hatte sich schon nach zwei, drei Minuten beim Euroleague-Spiel bei Efes Pilsen Istanbul die Schulter ausgekugelt. Alba verlor 72:78 (35:32), es war die dritte Niederlage im dritten Spiel.

Nur vier von acht Teams qualifizieren sich für die Zwischenrunde. Alba ist punktlos Letzter, ohne Sieg ist sonst nur noch Charleroi. Eine trostlose Situation. Und doch empfand Alba den Mittwoch als einen Schritt nach vorn. "Das war unser bestes Saisonspiel. Ich bin stolz auf alle, die auf dem Feld gestanden haben. Es war ganz toll, was sie geleistet haben", sagte Kapitän Henrik Rödl. Er schwärmte nicht, er lachte nicht. Die ruhige Stimme und ausdruckslose Mimik standen in seltsamem Widerspruch zur Wortwahl. Und waren doch typisch für Albas Zustand: Freude über eine gute Leistung einerseits nach der eine Woche zuvor kampflos hingenommenen Niederlage gegen Olympiakos Piräus und der folgenden Niederlage in Trier. Eine erneute Niederlage und neue Verletzte andererseits.

Auch Rödl hatte Schmerzen. In Istanbul brach beim Warmmachen seine alte Zerrung wieder auf. Kurz nach Pesics Ausscheiden stand er dann doch auf dem Feld - für 57 Sekunden. Dann ging nichts mehr. Ab der sechsten Minute spielte Alba ohne Pesic und ohne Rödl. Ohne Demirel (Knieentzündung) und ohne Garris (Sprunggelenkverletzung) sowieso. Vier verletzte Aufbauspieler also, von denen zumindest Pesic und Demirel länger ausfallen dürften. "Wir weinen nicht schnell. Aber wenn vier Leute auf einer Position fehlen, alles Nationalspieler, dann verkraftet das kein Verein. So etwas habe ich in elf Jahren Alba nicht erlebt", sagte Vizepräsident Marco Baldi.

Aufbauspieler Derrick Phelps war deshalb keine Sekunde auf der Ersatzbank vergönnt - nicht einmal, nachdem ein Zuschauer ihm eine Münze an den Kopf geworfen hatte und er genäht werden musste. Es gab einfach keine Alternativen. Phelps machte 19 Punkte und holte 12 Rebounds, ein hervorragendes Ergebnis. Aber ein Dauerzustand ist ein 40-Minuten-Einsatz natürlich nicht. Junge Spieler wie Sven Schultze, Tommy Thorwarth und Stipo Papic kamen zu langen Einsatzzeiten - und machten ihre Sache gut. Alba überzeugte sogar in der Verteidigung. "Wir haben gut gespielt und gekämpft", sagte Trainer Emir Mutapcic. Zum Sieg reichte das nicht. Baldi sprach davon, "dass wir ein bisschen die Seuche haben" und lobte im nächsten Moment "den Enthusiasmus" auf dem Feld am Mittwochabend in Istanbul. "Wir haben eine schwere Phase, aber unser Ziel ist es, am Ende Meister zu werden und in die Zwischenrunde der Euroleague einzuziehen." Einen Schritt in diese Richtug kann Alba schon morgen im Bundesligaspiel gegen Braunschweig (15 Uhr, Max-Schmeling-Halle) machen und vor allem am kommenden Mittwoch gegen Benetton Treviso. Denn irgendwann helfen euphorische Worte nicht mehr. Irgendwann müssen Punkte her. Bald.

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