• Euro 2000: Heimliche Absprache - Trainer von Jugoslawien und Slowenien harmonieren prächtig

Sport : Euro 2000: Heimliche Absprache - Trainer von Jugoslawien und Slowenien harmonieren prächtig

Jupp Suttner

Im ungleichen Bruder-Duell zwischen Jugoslawien und Slowenien steckt Zündstoff. Seit sich die ehemalige Teilrepublik vor neun Jahren vom Mutterland gelöst hat, haben die beiden Rivalen noch kein Länderspiel gegeneinander bestritten. Heute Abend steht in Charleroi die Premiere an. Das nur noch aus Serben und Montenegrinern bestehende jugoslawische Team sieht sich als einziger rechtmäßiger Erbfolger erfolgreicher Fußball-Traditionen des Balkanlandes und blickt selbstgefällig auf den kleinen Konkurrenten aus der Gebirgsrepublik im Norden hinunter. Diplomatische Beziehungen gibt es zwischen beiden Ländern nicht, auf sportlichem Terrain können sie sich aber nicht aus dem Weg gehen.

Für die slowenischen Kicker haben die Jugoslawen meist nur Spott übrig. "Aus Slowenien kommen doch nur gute Skiläufer. Fußball spielen können die nicht", lautet die landläufige Meinung der Serben. Genährt wird das Vorurteil durch die Tatsache, dass es in der gemeinsamen jugoslawischen EM-Geschichte nur drei slowenische Nationalspieler gab. Trotz despektierlicher Äußerungen in der Öffentlichkeit bemüht sich die jugoslawische Mannschaft um Zurückhaltung. "Slowenien ist ein guter Außenseiter", sagt der beim AC Florenz spielende Montenegriner Predrag Mijatovic. Dass der Außenseiter dem aus einem renommierten Legionärs-Ensemble bestehenden haushohen Favoriten ein Bein stellen kann, glaubt allerdings kein Spieler der Jugoslawen.

Der blutige politische Umbruch auf dem Balkan hat das freundschaftliche Verhältnis der Spieler und Trainer beider Mannschaften nicht beeinträchtigt. Jugoslawiens Trainer Vujadin Boskov (69) gilt als Ziehvater des slowenischen Trainers Srecko Katanec. Boskov hatte Katanec 1989 vom VfB Stuttgart zu Sampdoria Genua geholt, wo er am Gewinn der Italienischen Meisterschaft und des Europapokals der Pokalsieger beteiligt war. "Vujadin hat mich auch ermuntert, Trainer zu werden. Ich habe mir viel von seiner Fußball-Philosophie angeeignet", erklärte der 36-jährige Katanec.

Unlängst hat sich Katanec mit Boskov an dessen Urlaubssitz im slowenischen Bled getroffen und mit ihm stundenlang geklönt. "Wir haben ausgemacht, dass gewinnt, wer die meisten Tore schießt", fasste Katanec die heimliche EM-Absprache zusammen. Auch Jugoslawiens Alt-Star Dragan Stojkovic (35) ist mit Katanec eng befreundet. "Wir haben 1983 gemeinsam unser Debüt in der jugoslawischen Nationalelf gegeben und sind 1994 Olympia-Dritter in Los Angeles geworden", berichtete der Mittelfeldspieler, der seine internationale Karriere nach der EM beendet. Selbst Familienbande werden untereinander geknüpft. Die Schwester des slowenischen Stürmers Milenko Acimovic heiratet in Kürze den jugoslawischen Mittelfeldspieler Dejan Stankovic.

Für den Slowenen Miran Pavlin ist die Partie gegen seine früheren Landsleute ein Glücksfall. "Viele haben doch noch gar nicht registriert, dass wir ein eigenständiger Staat sind. Mit diesem Spiel ist wohl allen klar, dass Slowenien nicht zu Jugoslawien gehört", sagte der Mittelfeldspieler vom Karlsruher SC. "Gewinnen wir, löst das ein Volksfest zu Hause aus."

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