Euro 2008 : Die Mannschaft geht am Stock

Viele Verletzte, lässige EM-Vorbereitung - Teammanager Oliver Bierhoff rüttelt die Nationalspieler wach.

Stefan Hermanns,Michael Rosentritt[Frankfurt am Main]
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Training für die Berge. Bei den Werbeaufnahmen in Groß Gerau bei Frankfurt am Main wies gestern Bundestrainer Joachim Löw der...Foto: ddp

Die Werdung des Nationalspielers Jermaine Jones ging schleppend voran. Mehr als zwölf Stunden weilte Jones bereits im erlauchten Kreis der Fußball-Nationalmannschaft, als er gestern Mittag für sich und Heiko Westermann die erfreuliche Nachricht vermeldete: „Wir haben schon einige der Mannschaftskollegen gesehen.“ Das Regenerationstraining, an dem beide teilnahmen, war immerhin eine gute Kontaktbörse, neun der neunzehn Nominierten absolvierten gestern im Mannschaftshotel ein eingeschränktes Programm für das Länderspiel gegen Österreich am Mittwoch (20.35 Uhr, live in der ARD). Darunter war neben den beiden erstmals nominierten Schalkern auch Michael Ballack. Der Mannschaftskapitän hat am Wochenende nicht nur einen fünf Zentimeter langen Cut an der Schläfe davongetragen, sondern auch einen Schlag gegen die Wade bekommen. Ballack werde trotzdem in Wien spielen können, berichtete Oliver Bierhoff, die Verletzung sei nicht dramatisch. Vieles andere allerdings schon.

Vier Monate vor der Fußball-Europameisterschaft beschleicht den Manager der deutschen Nationalmannschaft ein ungutes Gefühl. „Das plätschert alles so ein wenig dahin, das gefällt uns überhaupt nicht“, sagte Bierhoff gestern. Wen oder was er konkret damit meinte, sagte er nicht. Die Gesellschaft? Die Politik? Vermutlich die Spieler. Die sportliche Leitung hat im Moment offensichtlich nicht den Eindruck, dass das Turnier in Österreich und in der Schweiz bei allen Beteiligten höchste Priorität genießt. „Es wäre der größte Fehler, wenn wir noch entspannter in das Turnier gehen würden“, sagte Bierhoff.

Vor zwei Jahren, kurz vor der WM im eigenen Land, hat die Nation noch das genaue Gegenteil erlebt: eine latente Hysterie und Dauererregung. Diesmal ist es Bierhoff wohl etwas zu ruhig. Die Erfolge der Nationalmannschaft unter dem Bundestrainer Joachim Löw haben das Land in einen Zustand innerer Ruhe versetzt – die Spieler offensichtlich auch. Das hängt auch mit der veränderten Ausgangssituation zusammen.

Für Löws Vorgänger Jürgen Klinsmann war die WM in Deutschland zwei Jahre lang der einzige Fixpunkt, auf den sein gesamtes Wirken ausgerichtet war. Im Vergleich dazu „fällt die EM jetzt ein bisschen runter“, sagte Bierhoff. Dabei müsste es inzwischen hinlänglich bekannt sein, dass eine Europameisterschaft wesentlich anspruchsvoller ist als eine Weltmeisterschaft. Bei den vergangenen beiden WM-Turnieren erreichten die Deutschen jeweils das Halbfinale; bei Europameisterschaften hingegen haben sie seit dem Finalerfolg 1996 gegen Tschechien kein Spiel mehr gewonnen. In sechs Vorrundenspielen erzielten sie gerade drei Tore. „Wir müssen tierisch aufpassen und richtig wach werden“, sagte Bierhoff.

Das Länderspiel in Wien ist die vorletzte Gelegenheit für den Bundestrainer, seine Mannschaft noch einmal zu testen, bevor er den Kader für die Europameisterschaft bekannt gibt. In der Theorie zumindest. Praktisch muss Löw gegen Österreich eine Mannschaft zusammenstoppeln, die mit seiner Wunschelf wenige Schnittmengen aufweist. Gegen Österreich fehlen Torsten Frings, Arne Friedrich, Christoph Metzelder, Marcell Jansen, Clemens Fritz, Lukas Podolski und Oliver Neuville; Michael Ballack, Bernd Schneider und Manuel Friedrich sind nach längeren Verletzungspausen wahrscheinlich noch nicht wieder auf der Höhe ihrer Schaffenskraft, andere wie Bastian Schweinsteiger und Jens Lehmann kämpfen in ihren Vereinen um einen Stammplatz.

„Die Situation der letzten Wochen macht mich ein bisschen nachdenklich“, sagte Bierhoff. „Wir haben viele Nationalspieler, die nicht nur für ein Länderspiel, sondern für einen längeren Zeitraum ausgefallen sind.“ Einspielen konnte sich die vermeintliche Stammelf schon lange nicht mehr. Der Bundestrainer habe kaum die Möglichkeit gehabt, mal in Ruhe mit der Mannschaft zu trainieren, klagte Bierhoff. In der Tat: Beim Training gestern Morgen standen nur zehn Spieler auf dem Platz.

Die Übungseinheit am Nachmittag musste leider ausfallen. Die Nationalspieler wurden für Werbefilmaufnahmen ihres Hauptsponsors benötigt, bei denen sie in historischen Bergsteigerkostümen posierten. Diese EM-Vorbereitung fällt in Oliver Bierhoffs Verantwortungsbereich.

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