Euro 2008 : Ein brutaler Sommer

Die Holländer wurden zuletzt nicht gerade vom Schicksal geküsst. Bei der WM in Deutschland mussten sie gegen Argentinien, Serbien und der Elfenbeinküste antreten. Damals hieß es "Gruppe des Todes" - gibt es eine Steigerung.

Stefan Hermanns[Luzern]
Zidan Foto: ddp
Wir sehen uns. Bei der EM gibt es das WM-Finale schon in der Vorrunde. -Foto: ddp

Am Ende des Tages kehrte auch die Leichtigkeit zu den Holländern zurück. Marco van Basten, der Trainer der holländischen Fußball-Nationalmannschaft, war zum Abschluss gefragt worden, ob er noch etwas zu Kaká sagen könne, Europas neuem Fußballer des Jahres. Doch bevor van Basten antworten konnte, schaltete sich der Pressesprecher des holländischen Fußballverbandes ein: „Spielt der auch in unserer Gruppe?“ Eigentlich war es ein Witz, aber man weiß ja nie. Bei dem Pech, das die Holländer derzeit haben, wird der Brasilianer Kaká wahrscheinlich noch von den Rumänen eingebürgert und dann mit einer Sondergenehmigung des Uefa-Präsidenten Michel Platini bei der Europameisterschaft mitspielen.

Die Holländer hatten zuletzt nicht gerade das Gefühl, vom Schicksal innig geküsst zu werden. Bei der WM im vergangenen Jahr spielten sie mit Argentinien, Serbien und der Elfenbeinküste in einer Gruppe, im kommenden Sommer heißen ihre Vorrundengegner Italien, Frankreich und Rumänien. „Bei der Weltmeisterschaft hatten wir die Gruppe des Todes“, sagte Bondscoach van Basten. „Ich bin mal gespannt, wie man es diesmal nennen wird. Dafür gibt es eigentlich keinen Superlativ.“

Das Grauen beschränkte sich nicht auf die Holländer. Die italienische Zeitung „Repubblica“ stöhnte: „Was für ein Albtraum“, die Sportzeitung „Gazzetta dello Sport“ beklagte „eine Auslosung zum Fürchten“ und „L’Equipe“, ihr französisches Pendant, „eine höllische Gruppe“. International wird sich vermutlich die Bezeichnung Todesgruppe durchsetzen, und man muss schon ein durch und durch positives Gemüt besitzen wie Michel Platini, um die Angelegenheit grundsätzlich anders zu sehen. „Das ist keine Gruppe des Todes“, sagte der Präsident des europäischen Fußballverbandes. „Das ist eine Gruppe der Freude – der Freude am Fußball.“

Die Gruppe C mit Holland, Frankreich und Italien wird in der Tat die Attraktion des Turniers sein. Zum ersten Mal, seitdem die EM-Endrunde im Turniermodus ausgetragen wird, treffen der Welt- und der Vizeweltmeister schon in der Vorrunde aufeinander. Die Revanche für das WM-Finale wird allerdings vor relativ überschaubarer Kulisse stattfinden. Die Stadien in Zürich und Bern, den beiden Spielorten der Gruppe, fassen nur je 30 000 Zuschauer. Das ist auch deshalb ärgerlich, weil der ewige Mitfavorit Niederlande und die aufstrebende Fußballgroßmacht Rumänien die Gruppe komplettieren.

Beide haben schon in der Qualifikation gegeneinander gespielt. In den beiden Begegnungen blieben die Holländer ohne Tor, einen Punkt holten sie. „Man sollte die Rumänen nicht vergessen“, warnte Frankreichs Nationaltrainer Raymond Domenech. „Das hat man schon in der Qualifikation mit den Schotten getan.“ Doch der Außenseiter Schottland bereitete Frankreich und Italien in der Ausscheidung für das Turnier unerwartet große Schwierigkeiten. Nur mit Mühe qualifizierten sich die beiden Favoriten überhaupt für die EM.

Wenn Frankreich und Italien am 17. Juni in Zürich aufeinander treffen, wird es das vierte Pflichtduell beider Mannschaften in gerade zwei Jahren sein – vor allem das WM-Finale ist bei den Franzosen noch lange nicht vergessen. Als er auf den Kopfstoß von Zinedine Zidane gegen Marco Materazzi angesprochen wurde, stand Domenech auf und verließ die obligatorische Pressekonferenz der Nationaltrainer nach der Auslosung. Auf Witze dieser Art stehe er nicht, teilte er im Weggehen mit.

Das Verhältnis zwischen Italienern und Holländern ist vergleichsweise entspannt. Marco van Basten und Roberto Donadoni, der Trainer des Weltmeisters, haben sechs Jahre lang zusammen für den AC Mailand gespielt und in dieser Zeit je dreimal die Meisterschaft und den Europapokal der Landesmeister gewonnen. Van Basten und Donadoni galten damals sogar als Freunde. Ob allerdings das für den 6. Februar geplante Freundschaftsspiel zwischen Holland und Italien tatsächlich stattfinden wird, ist noch nicht geklärt.

Aber wieso eigentlich nicht? Nach dem ersten Schrecken ist bei allen Beteiligten ohnehin schon wieder leichte Zuversicht eingekehrt. Die schwere Gruppe hat immerhin den positiven Nebenaspekt, dass mindestens ein starker Gegner die Vorrunde nicht überstehen wird. Die Holländer scheinen sich ziemlich sicher zu sein, dass es sie nicht treffen wird. Marco van Basten wird heute beim holländischen Verband erwartet. Es soll um die Verlängerung seines Vertrages gehen – über die Europameisterschaft hinaus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar