Europa League : Rückspiel am Ende der Welt

Leverkusen reist heute zum Rückspiel gegen den Retortenklub FC Villarreal in eine skurrile Rentnerstadt.

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Die Gelben aus Benicasím. Keiner von Villarreals Spielern (v.l. Bruno Soriano und Mateo Musacchio) wohnt in der Stadt – die meisten sind in einem Nobelbadeort einquartiert.
Die Gelben aus Benicasím. Keiner von Villarreals Spielern (v.l. Bruno Soriano und Mateo Musacchio) wohnt in der Stadt – die...Foto: AFP

Die Kulisse erinnert an einen alten Italo-Western: Brauner Lehmboden und Geröll am Ortseingang, durch den Bahnhof fegt der Wind, die Straßen sind wie ausgestorben. Wer mit dem Zug in Villarreal ankommt, glaubt, das Ende der Welt erreicht zu haben. Dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn der Bahnhofswärter auf die Frage, wo es denn zum Stadion geht, nur aufschaut und mit einem Fingerzeig in Richtung Norden weist. Worte benutzt er für seine Wegbeschreibung keine. Bei uns herrscht Ruhe, soll das wohl heißen.

Nichts deutet in dieser Umgebung darauf hin, dass nur wenige Fußminuten vom Bahnhof entfernt hochklassiger Fußball gespielt wird. So wie vermutlich heute Abend, wenn der FC Villarreal Bayer Leverkusen zum Achtelfinal-Rückspiel der Europa League (21.05 Uhr, live bei Sat1) empfängt.

Villarreal ist die Heimat des Villarreal Futbol Club und die kleinste aller noch im Europapokal verbliebenen Städte. Und die skurrilste dazu. Rund 48 000 Menschen leben hier im Niemandsland zwischen Valencia und Barcelona. Die meisten von ihnen haben bereits das Rentenalter erreicht, Villarreal weist einen ungewöhnlich hohen Anteil an über 50-Jährigen auf. Die Jungen haben die Stadt verlassen. Richtung Valencia etwa, das mit zwei Universitäten und einem spannenden Nachtleben lockt. Wer darauf nichts gibt oder nicht mehr studieren muss, kommt nach Villarreal. Nicht zuletzt wegen des warmen Klimas. Zwischen Mandarinenfeldern und Mittelmeerstrand lässt sich der Lebensabend angenehm verbringen. Kein Wunder also, dass vor dem Stadion El Madrigal hauptsächlich Rentner warten. Diejenigen, die schon Karten haben, sitzen auf einer der vielen Bänke am Plaza Labrador und essen Sonnenblumenkerne. Einige Straßenverkäufer bieten Bier an – das Geschäft läuft schlecht. An diesem Abend haben sich kaum Gästefans zum Spiel gegen Real Saragossa, einem Abstiegskandidaten der Primera Division, eingefunden. Die Reise in die Peripherie hat wohl viele abgeschreckt.

2006 stand der Klub sogar im Champions-League-Halbfinale

Dabei gilt das Stadion in Villarreal als eines der schönsten in Spanien. Eine reine Fußballarena, die Platz für 22 000 Zuschauer bietet. Und es braucht nur wenig akustischen Einsatz, um sich hier als Fan der gegnerischen Mannschaft Gehör zu verschaffen. „Nirgendwo in der ersten Liga sind die Fans leiser als in Villarreal“, sagt Julio Vacacela. Der 32-Jährige begleitet als Reporter für den Fernsehsender Canal Nou die Spiele des FC Villarreal. „Für die Mannschaft ist das ein echtes Problem, der Heimvorteil verpufft vor dieser reservierten Kulisse regelrecht.“ Heute wird das vielleicht nicht so schwer ins Gewicht fallen, Villarreal hat das Hinspiel in Leverkusen mit 3:2 gewonnen.

Den größten Erfolg der Vereinsgeschichte feierte der Klub vor fünf Jahren, als man erst im Halbfinale der Champions League am FC Arsenal scheiterte. Der Gewinn der Europa League würde Villarreals ehrgeizigem Besitzer Fernando Roig etwas mit den wenig spektakulären vergangenen Spielzeiten versöhnen. Roig übernahm den Klub Anfang der neunziger Jahre und führte ihn von der vierten bis in die erste Liga. Das Geld für die Aufstiege kam von Roig selbst, sein Keramikunternehmen ist Hauptsponsor. Seit 2006 stagniert die Entwicklung der Mannschaft aber, was Roig nur missmutig toleriert.

In Villarreal tun sie sich schwer mit Emotionen. „Das ist auch nicht weiter verwunderlich", sagt TV-Reporter Vacacela. „Schließlich ist der Verein ja aus der Retorte entstanden. Eine mit der Geschichte gewachsene Fanbasis wie in Madrid oder Barcelona gibt es hier nicht.“ Nach dem Spiel gegen Saragossa leert sich das Stadion schnell, die Leute machen sich direkt auf den Weg in ihre Häuser. Manche sind nur wenige Meter vom Stadion entfernt, El Madrigal liegt mitten im Stadtzentrum. Die Spieler brauchen etwas länger für den Heimweg. Die Stars der Mannschaft wie Stürmer Nilmar oder der ehemalige spanische Nationalspieler Marcos Senna wohnen alle im Nobelbadeort Benicassím, in Villarreal lebt niemand von ihnen.

Am Bahnhof angekommen, gibt es zum Abschied noch eine Überraschung. Der noch vor Stunden stumme Bahnhofswärter wünscht freundlich eine gute Heimreise. Wohl wissend, dass die Chancen auf ein Wiedersehen gering sind.

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