Sport : Europa-Meisterschaft: Was Ribbeck und andere gesehen haben (Glosse)

Helmut Schümann

Worte des Meisters, verkündet nach dem trüben Auftritt seiner Männer am Mittwoch in Freiburg. Erich Ribbeck also sprach: "Wenn man das Spiel gegen Liechtenstein gesehen hat, hat man einiges gesehen." Gott ja, wahrscheinlich ist es so.

Man hat zum Beispiel gesehen, dass unsere Fußball-Europameisterschaftskicker durchaus mithalten können mit den Liechtensteinern, ja sich sogar gegen Ende durch konditionellen Überschwang einen Vorteil herausarbeiten konnten.

Dann hat man gesehen, dass der Stürmer Oliver Bierhoff derzeit nicht ganz so zielsicher ist wie die Stürmer Carsten Jancker und Ulf Kirsten. Das muss aber nichts besagen bezüglich der Startformation in der kommenden Woche.

Schließlich war zu erkennen, dass man noch nicht recht erkennen kann, wie denn die deutsche Mannschaft die EM zu bestreiten gedenkt. Ja, dass die Mannschaft noch gar keine ist, dass ihr fehlt, was eine Mannschaft braucht: nämlich eine Hierarchie, aus der heraus ein Team gelenkt wird.

Da stellt sich die Frage, was eigentlich Aufgabe eines Nationaltrainers ist. Und wenn die Antwort lautet, eine Mannschaft zu formen, dann hat Ribbeck seinen Job offensichtlich noch nicht gemacht. Auf jeden Fall sind grundsätzliche Fehler festzustellen, auch eine Vielzahl von Unterlassungen.

Als Leitfigur hatte Ribbeck Lothar Matthäus vorgesehen. Der aber ist mit seinen 39 Jahren verständlicherweise verletzungsanfällig. Eine kränkelnde Leitfigur ist jedoch keine. Als Ersatzlenker holte Ribbeck Thomas Häßler ins Team zurück und bescheinigte ihm mal gleich, dass er wohl Luft nur für eine Halbzeit habe. Das dürfte Häßler stärken. Und Bierhoff, der Kapitän und damit rechte Hand des Trainers sein sollte? Der läuft seiner Form seit Monaten hinterher und hat somit im Team eigentlich nichts zu suchen. Hofiert wird er gleichwohl von Ribbeck, warum auch immer.

Drei Tage vor dem EM-Start ist nichts gewiss im deutschen Team. So strukturschwach präsentierte sich noch nie eine deutsche Auswahl vor einem wichtigen Turnier. Welcher Spieler wann wo und warum eingesetzt wird, scheint einem Plan zu folgen, der dadurch gekennzeichnet ist, dass ihm keiner zugrunde liegt. Nicht einmal die Stürmerfrage, obwohl vom Formbarometer eindeutig zu Gunsten des Duos Jancker/Kirsten beantwortet, ist für Ribbeck gelöst. Es gibt also keine Hierarchie, keine Stammformation, mithin - mit Ausnahme von Torwart Oliver Kahn - keinen Spieler, dem der Trainer sein Vertrauen schenkt.

Er wisse noch nichts, hat Teamchef Erich Ribbeck dieser Tage gesagt. Das allein ist sicher.

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