EUROPA  Reise : Westeuropäerund die Angst vor dem Osten

Jens Mühling singt in Polenlieber auf Russisch als auf Englisch.

Die polnische Stadt Przemysl (deren konsonantenreicher Name „Pschemyschl“ ausgesprochen wird) ist kein Austragungsort der EM. Sie liegt etwas abseits des Geschehens, ganz im Osten Polens, keine zehn Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Trotzdem erhoffen sich die Menschen in Przemysl einen gewissen Mitnahmeeffekt von der EM, wie ich bei einem Besuch kurz vor Beginn des Turniers erfuhr. Auf der anderen Seite der Grenze liegt nämlich der ukrainische Austragungsort Lemberg, weshalb man in Przemysl auf EM-Gäste aus Westeuropa spekulierte, die lieber in Ostpolen übernachten wollen als in der Westukraine.

„Westeuropäer haben Angst vor dem Osten“, erklärte mir ein polnischer Journalist. „Je weiter östlich, desto schlimmer.“

Abends nahm mich der Journalist mit in ein Café. Wir saßen auf Bierbänken am Marktplatz von Przemysl, es war eine milde Juni-Nacht. Nach den ersten paar Bieren tauchten ein paar Freunde des Journalisten auf, sie setzten sich zu uns. Da ich leider kein Polnisch spreche, fragte ich in die Runde, welche Verkehrssprache den Anwesenden lieber sei: Englisch oder Russisch? „English! No Russian! English!“ Ein paar hoffnungslose Halbsätze später wechselten alle ins Russische.

Später in der Nacht begannen die Polen zu singen. Ich verstand nur Bruchstücke ihrer Lieder, aber mir fiel auf, dass in fast jedem Refrain das Wort „Polen“ vorkam.

„Jetzt sing du was!“, riefen plötzlich alle.

Ich versuchte es mit dem russischen Lied „Katjuscha“. Erst als ich ansetzte, fiel mir ein, dass „Katjuscha“ ein Rotarmisten-Frontschlager aus dem Zweiten Weltkrieg ist. Ich wollte schon wieder aufhören, aber meine politischen Skrupel waren unsinnig: Begeistert fielen die Polen ein. Danach stimmte jemand die Internationale an, ebenfalls auf Russisch, und während wir Stück für Stück den Kanon des sozialistischen Arbeiterliedguts durchgingen, wurden wir lauter und lauter. Irgendwann – ich glaube, wir sangen gerade die sowjetische Nationalhymne – stimmte das halbe Café mit ein. Mir wurde ein bisschen mulmig, weil der Marktplatz voller Leute war, und wenn irgendjemand fragen würde, warum hier das Liedgut des polnischen Erzfeinds Russland gesungen werde, würden alle auf den Deutschen zeigen, den zweiten polnischen Erzfeind.

Aber nichts dergleichen geschah. Es war eine großartige Nacht. Als ich im Morgengrauen nach Hause torkelte, wusste ich nicht mehr, wo Westen und wo Osten ist.

Hier kommentieren Lucien Favre, Philipp Köster, Jens Mühling, Marcel Reif und Moritz Rinke im Wechsel die EM. Alle Kolumnen unter www.tagesspiegel.de/fussball-em.

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