• Europäische Fußball-Spitzenklubs: Ein paar Millionen für den Busfahrer: Die fatale Bereitschaft, für Mitläufer Unsummen zu bezahlen, treibt Italiens Klubs Richtung Kollaps

Sport : Europäische Fußball-Spitzenklubs: Ein paar Millionen für den Busfahrer: Die fatale Bereitschaft, für Mitläufer Unsummen zu bezahlen, treibt Italiens Klubs Richtung Kollaps

Bernhard Krieger

Eigentlich fehlt an der Geschäftsstelle des AC Florenz nur noch ein großes Schild: "Zu verkaufen". Der italienische Pokalsieger steht unmittelbar vor der Pleite. Bis zum 15. September muss der von Steuerschulden geplagte Klub umgerechnet rund 160 Millionen aufbringen, ansonsten eröffnet Richter Sebastiano Puliga in Florenz das Konkursverfahren. Dem Klub droht der Lizenzentzug in der Serie A. Freilich: "Florenz ist nur der erste von einer ganzen Reihe von Klubs in der Serie A, die in Schwierigkeiten geraten werden", sagt Italiens früherer Finanzminster Piero Barucci. Wie viele andere befürchtet auch Barucci den großen Crash im italienischen Vereinsfußball.

Bei vielen Klubs klaffen riesige Lücken in den Bilanzen. Sie überleben nur, so lange ihre milliardenschweren Besitzer frisches Geld hineinpumpen. "Ich habe in den letzten zehn Jahren 680 Millionen Mark in die Mannschaft investiert", sagt Lazio Roms Präsident und Mehrheitsaktionär Sergio Cragnotti. Ohne ihre millionenschweren Gönner können die Klubs nicht überleben. Geht Klubpräsidenten wie Vittorio Cecchi Gori im Falle des AC Florenz das Geld aus, droht auch den Klubs der Absturz.

Schuld daran sind die gigantischen Transfersummen, die auf dem italienischen Spielermarkt in astronomische Höhen geschossen sind und durch Einnahmen kaum mehr zu refinanzieren sind. Und dabei sind es nicht nur die wenigen Weltstars wie Hernan Crespo (110 Milionen), Gianluigi Buffon (105 Millionen) oder Christian Vieri (91 Millionen), die den Bilanzbuchhaltern der Klubs mit Rekordtransfers das Genick brechen. Fatal sind die völlig überteuerten Spieler aus der zweiten Reihe. Jeder mittelmäßig begabte Durchschnittsspieler kostet in Italien schon hohe zweistellige Millionenbeträge.

"In Italien muss man schon ein paar Millionen auf den Tisch legen, wenn man den Busfahrer des anderen Klubs abwirbt", meinen Spötter. "Die Entwicklung der Spielergehälter und Ablösesummen ist Wahnsinn", sagt auch AC Mailands Vize-Präsident Adriano Galliani. Entziehen kann er sich dem Wahnsinn aber auch nicht: Der AC verpflichtete Filippo Inzaghi für 70 und Rui Costa für 80 Millionen Mark.

Getrieben von Fans und Medien überbieten sich die Top-Klubs gegenseitig beim Transferpoker. Drei täglich erscheinende Sporttageszeitungen und dutzende von Fernsehsender, die täglich rund um die Uhr stundenlang vom Fußball berichten, erzeugen einen enormen Druck. "Der AC Mailand wurde im letzten Jahr immer wieder kritisiert, weil er keinen teuren Neuzugang geholt hatte", sagt Mailands Stürmer Oliver Bierhoff. Jetzt wurden neue Stars geholt, Fans und Sponsoren sind zufrieden.

Die Medien fordern Rekordtransfers, und die Klubs liefern sie. Nicht zuletzt auch aus purer Eitelkeit ihrer Besitzer. Fußballklubs sind die Lieblingsspielzeuge der Superreichen Italiens. Rekordmeister Juventus Turin gehört der Fiat-Dynastie der Agnellis. Der AC Mailand ist Privatbesitz des Medienzaren und derzeitigen italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi. Inter Mailand gehört Pirelli-Boss Massimo Moratti, der AC Parma zum Nahrungsmittelkonzern der Familie Tanzi. Beim Meister AS Rom hat Baulöwe Franco Sensi die Fäden in der Hand, während bei Lazio Rom der Konservengigant Cragnotti das Sagen hat. Fast alle dieser Präsidenten sind nicht nur Multi-Millionäre und mächtige Wirtschaftsbosse, sondern auch noch in der Politik aktiv, und am Wochenende wetteifern sie eben auf den Fußballplätzen miteinander.

Auch der Boss des AC Florenz, Italiens Kino-König und Filmproduzent Vittorio Cecchi Gori, mischte in diesem Konzert der ganz Großen mit. Solange bis sein Konzern Probleme bekam. Seine angeschlagenen Fernsehsender musste er in diesem Jahr verkaufen. Der aufbrausende Checchi Gori, der schon mal in einer Pause in die Kabine stürmte, um den Trainer über Taktik zu belehren, konnte kein Geld mehr zuschießen. Im Gegenteil: Gori holte sich 70 Millionen Mark aus der Klubkasse, um andere Löcher in seinem Konzern zu stopfen.

Jetzt scheint Gori am Ende. Das lange Zeit scheinbar "unverkäufliche Familienjuwel", wie er es nannte, muss er abstoßen. Nach Zeitungsberichten drücken den Klub Verbindlichkeiten in Höhe von 330 Millionen Mark. Dem Staat schuldet der Verein noch 160 Millionen Mark, zahlbar bis zum 15. Oktober. Am Freitag konnte er zwar die erste Rate (24 Millionen Mark) bezahlen, gerettet ist der Verein damit aber noch nicht.

Geld fehlt an allen Ecken und Enden, obwohl der Klub längst mit einem Ausverkauf seiner Stars begonnen hat. Mittelfeldregisseur Rui Costa brachte 80 Millionen Mark ein, zudem erhielt Florenz für Nationaltorwart Francesco Toldo von Inter Mailand 60 Millionen. Doch auch das reicht noch nicht. Deshalb muss die Fiorentina weitere Spieler aus ihrem 258 Millionen Mark teuren Restkader veräußern.

Ende dieser Woche bekam Generaldirektor Luciano Luna alle Vollmachten, um den Klub zu verkaufen. Interessenten gibt es genug. Neben anderen habe sich auch eine deutsche Bank gemeldet, berichtete die "La Gazzetta dello Sport". Vielleicht kann der AC Florenz bald ja schon ein neues Schild an die Tür hängen: "Verkauft".

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