Sport : Europameister 2004

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Von Thomas Seibert

Istanbul. Mit einem Schuss Wehmut und dem Gedanken an eine verpasste Chance hat die Türkei am Wochenende den 3:2-Erfolg ihrer Fußballmannschaft im Spiel um Platz drei gegen WM-Gastgeber Südkorea gefeiert. Die großen Plätze in den Stadtzentren von Istanbul und Ankara füllten sich nach dem Abpfiff in Seoul zwar erneut mit Fans, die die türkischen Spieler hochleben ließen. Doch obwohl die Türken mit dem dritten Platz bei der WM den größten Erfolg ihrer Fußballgeschichte feiern konnten, blieben die Reaktionen im Vergleich zu anderen erfolgreichen WM-Spielen der vergangenen Wochen verhalten. Zu tief saß bei vielen die Enttäuschung über die Halbfinal-Niederlage gegen Brasilien.

„Ob wir jetzt Dritter oder Vierter sind, das macht auch keinen großen Unterschied mehr“, sagte ein Istanbuler. Tatsächlich wirkte das Schwenken der Fahnen, das Absingen der Nationalhymne, das Gehupe der Autokorsos eher pflichtschuldig als spontan und begeistert. Fahnenhändler, die nach anderen Siegen der Türken ihre Ware in Minutenschnelle loswurden, hatten diesmal Mühe, Käufer zu finden. Kein Wunder. Die Fußballnation trauert immer noch dem verpassten Finale gegen Deutschland nach. Die bohrende, wenn auch sinnlose Frage lautet: „Was wäre gewesen, wenn?“ Sie wird die Türken weiterhin beschäftigen. Denn im Spiel gegen Südkorea bot der viel kritisierte Nationaltrainer Senol Günes erstmals das gefährlichste Sturm-Duo der Türken gemeinsam auf: Hakan Sükür und Ilhan Mansiz.

Die Zusammenarbeit der beiden zahlte sich aus, als Sükür nach Vorarbeit von Mansiz das schnellste Tor der WM-Geschichte schoss: Es fiel nach handgestoppten 10,6 Sekunden, der Weltverband Fifa rundete später auf elf Sekunden auf. Für Sükür war es zugleich sein erstes und letztes Tor einer ansonsten für ihn völlig verkorksten Weltmeisterschaft. Mansiz erzielte die beiden anderen Treffer gegen Südkorea , nachdem Sükür ihn bedient hatte: Günes wird sich fragen lassen müssen, warum er das Duo erst einsetzte, als es für die Türkei ohnehin nicht mehr viel zu gewinnen gab. Die Kritik der Türken an Trainer Günes, der das Land zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert zur WM gebracht hatte, dürfte allenfalls bei der Rückkehr der Nationalmannschaft am Sonntagnachmittag in Istanbul vorübergehend verstummen. In einem Triumphzug sollen die Spieler und Betreuer vom Flughafen vor den Toren der Stadt zum Taksim-Platz ziehen. Hunderttausende werden ihren Weg säumen. Die Fußballer haben die großen wirtschaftlichen Probleme des Landes vorübergehend in den Hintergrund treten lassen.

Der türkische Staatspräsident Bülent Ecevit bedankte sich bei den Nationalkickern und schickte Glückwünsche nach Südkorea. „Wir sind stolz auf unser Team. Das ist einer der größten Siege unserer Geschichte“, ließ der 72 Jahre alte Staatspräsident verlauten. Doch wenn die letzten Jubelrufe nach der Heimkehr verhallt sind, werden die Fußballer zu spüren bekommen, dass der historische WM-Erfolg auch seine Schattenseiten hat: Die Türkei ist in der internationalen Fußballszene jetzt kein Nobody mehr, und das werden die Spieler auch an den Erwartungen ihrer Landsleute ablesen können. Nach dem Korea-Spiel war noch ungewiss, ob Günes sich für den Stress dieser neuen Phase gerüstet sieht, oder ob er seinen Posten aufgibt.

Für die türkischen Fans zählen ab jetzt jedenfalls keine Achtungserfolge mehr. Stellvertretend für viele im Land stellte das Özer Güler klar, ein Teilnehmer an der Publikumsbefragung eines türkischen Fernsehsenders am Samstag. Güler hatte eine ganz einfache Botschaft an die Nationalmannschaft: „2004 erwarten wir von euch den EM-Titel.“

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