Europameister Spanien : Marcel Reif hat sich neu verliebt

Genial, genial, genial: Was für eine Demonstration der Spanier im Finale! Unser Kolumnist Marcel Reif hat sich versöhnt mit dem Europameister. Ansonsten konnte ihn das EM-Turnier allerdings nicht vom Hocker reißen.

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Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.
Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Das war schon ein beeindruckendes Statement, das Spaniens Iker Casillas gegen Ende der ersten Halbzeit in Richtung Mario Balotelli abgab, als dieser weit über das Tor ballerte. Casillas winkte ihm zu. Etwas höhnisch vielleicht, vielleicht auch etwas überheblich, aber auf jeden Fall mit dem Signal: Ihr könnt uns gar nix. Und er hatte Recht.

Was für ein Auftritt Spaniens. Darf man sich in eine alte Dame neu verlieben, darf man neue Reize an ihr entdecken, die man ihr längst abgesprochen hatte? Man darf, man muss. Hatten wir geglaubt, Spaniens Tiki-Taka sei nur noch weitgehend brotlose Kunst, sei l'art pour l'art? Ach, sie können viel mehr, mehr als alle, mehr, als man können sollte. Der Kombinationsfußball ist das eine, aber wie sie das Tor zum 1:0 herauskombinierten, ist das andere. Das ist die hohe Kunst? Mehr. Das ist das non plus ultra? Mehr. Das ist genial, genial, genial. Nur noch übertroffen vom zweiten Tor. Wer braucht einen nominellen Stürmer, wenn er Xavi hat?

Darüber hinaus versöhnten diese Spanier mit einem Turnier, das in der Breite das wohl schlechteste EM-Turnier aller Zeiten war. Die mangelnde Qualität ist allerdings eine strukturelle. Auf 24 Mannschaften wird die EM nun aufgebläht, und das, obwohl wir doch schon jetzt keine 16 Mannschaften in Europa finden, die annähernd gleichwertig sind. Die Spitze, Spanien, Italien, Deutschland, Portugal hat sich entfernt selbst von Frankreich, England, ganz zu schweigen von Schweden, Dänemark, Ukraine, Polen, gar nicht zu denken an Griechenland oder Irland. Wo die Schere so weit auseinanderklafft, nistet sich bei denen unterhalb der Spitze Resignation ein.

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Unsere Elf der EM 2012
Mario Balotelli, Angriff. Wie schön, dass es noch Wahnsinnige im Fußball gibt. Wie schade, dass der Wahnsinnige das Genie in sich ausgerechnet im Halbfinale gegen die deutsche Mannschaft herauskramen musste und zwei Tore erzielte.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Reuters
01.07.2012 15:08Mario Balotelli, Angriff. Wie schön, dass es noch Wahnsinnige im Fußball gibt. Wie schade, dass der Wahnsinnige das Genie in sich...

Wo sind die Teams, die einfach nur aufs Spielfeld kommen, um zu gewinnen, und nicht nur um den Schaden zu begrenzen und dazu das Spiel verhindern. Und wenn diese Einstellung des Reagierens statt des Agierens noch ins Halbfinale abfärbt und Jogi Löws taktische Maßnahmen lenkt

Genug geschimpft. Es gilt zu preisen, zu feiern, Dank zu sagen. Dank an Spaniens Mannschaft, die im Endspiel dem puren Kombinationsspiel Zielorientierung zufügte. Ich hatte nach dem Halbfinale gegen die Deutschen gesagt, dass Männer es den kleinen Jungs gezeigt haben. War es im Finale anders? Absolut nicht, nur dass die kleinen Jungs diesmal die Italiener waren. Ihren Pirlo, den nahmen sie weitgehend aus dem Spiel, dem Cassano und Balotelli nahmen sie schnell die Kraft zur Furchtsamkeit. Und der Rest, der Rest war Fußball in, darf man das sagen, in Vollendung. Besser geht es nicht, zumindest hat man noch nichts Besseres gesehen. Die alte Dame, sie hat alle Liebe verdient.

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