Europameisterschaft : Die Hybris des Fußballs

Stefan Hermanns über das Votum der Uefa für die Ukraine als EM-Ausrichter.

Stefan Hermanns

Der Sport im Allgemeinen und der Fußball im Besonderen neigen dazu, sich selbst zu wichtig zu nehmen. Der Fußball hat sich längst zu einem eigenen System entwickelt, und wie sehr es sich verselbständigt hat, sieht man daran, dass der Fußball die Probleme des wahren Lebens einfach ausblendet. Wäre es anders, hätte der europäische Fußballverband Uefa gestern der Ukraine die Europameisterschaft 2012 entzogen. Denn nüchtern betrachtet ist das Land mit der Ausrichtung der EM, der drittgrößten Sportveranstaltung der Welt, schlichtweg überfordert.

Die Idee ist ja gut gemeint, aber gut gemeint ist manchmal eben das Gegenteil von gut: Natürlich ist es mehr als 20 Jahre nach den friedlichen Revolutionen im Ostblock an der Zeit, die Spaltung des Kontinents endlich auch im Sport zu überwinden. Dafür stehen Polen und die Ukraine. Aber eine EM ist keine Kirmesveranstaltung: Stadien, Transport, Sicherheit – in allen Punkten verlangt die Uefa höchste Standards. Standards, die die Polen vermutlich mit größter Mühe hinbekommen, die ihr Partner Ukraine aber weder logistisch noch finanziell zu erfüllen vermag.

Die Entscheidung für die Ukraine ist aus der Hybris des Fußballs geboren. Dass das Land vor allem noch Zeit braucht, hat im Grunde auch die Uefa erkannt; ihm die EM wieder zu entziehen war trotzdem unmöglich. Nicht weil es die Ukraine bloßgestellt hätte. Es wäre mit dem Selbstverständnis des Fußballs nicht vereinbar gewesen.

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