• Europas Fußballchef über Kommerz, deutsche Probleme und Ärger mit dem Rest der Welt

Sport : Europas Fußballchef über Kommerz, deutsche Probleme und Ärger mit dem Rest der Welt

Was ist das für ein Gefühl[wenn man mit]

Lennart Johansson (70) ist seit 1990 Präsident des Europäischen Fußball-Verbandes Uefa. 1998 wollte der Schwede Präsident des Weltverbandes Fifa werden und unterlag in einer Kampfabstimmung dem Schweizer Joseph Blatter. Martin Hägele sprach mit ihm.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man mit einer netten Rede in der Tasche zum 100. Geburtstag des DFB fliegt und dann vom deutschen Bundespräsidenten abgekanzelt wird: Die Champions League sei Etikettenschwindel, der Kommerz in diesem Wettbewerb mache den Volkssport Fußball kaputt?

Ich betrachte die Champions League schon lange nicht mehr als Fortsetzung des Europapokals der Landesmeister. Ich betrachte ihn als die Liga der Besten von Europa. Und derjenige, der sie am Ende gewinnt, ist ein wahrer Champion.

In Deutschland ist das Publikums- und TV-Interesse an der Champions League stark zurückgegangen, der Bundespräsident sprach wirklich für den normalen Fan .

Das mag auf Deutschland zutreffen, in England und Frankreich dagegen hat die neue Champions Leauge höhere Einschaltquoten, in Italien und Spanien sind die Zahlen gleich geblieben. Die Champions League beinhaltet Europa, doch wir haben in Europa eben unterschiedliche Mentalitäten. Ich kann Ihnen da keine andere Erklärung geben als die: Was in England gut ist, ist schlecht in Deutschland.

Befürchten Sie nicht, dass der Markt übersättigt wird und es dem Fußball bald ergeht wie dem Tennis?

Wir müssen stolz auf unser Produkt sein. Es gibt auf Dauer kein anderes Programm in der Welt, das auch nur annähernd so attraktiv ist wie Fußball. Aber wir dürfen nicht unsere Seele dabei verkaufen. Aus dem Fernseh-Vertrag für die EM in Portugal, der 800 bis 900 Millionen Franken bringt, hätten wir mehr herausholen können. Wir haben auf 200 Millionen verzichtet, wir sind reich genug. Der Fußball soll für alle da sein.

Ihr Freund Egidius Braun tritt als Schatzmeister und Vizepräsident der Uefa zurück und hat für seine Nachfolge in der Exekutive Gerhard Mayer-Vorfelder vorgeschlagen. Doch der ziert sich, nachdem er 1998 in der Fifa-Exekutive durch einen Malteser ersetzt worden ist. Muss der dreimalige Welt- und Europameister nicht automatisch vertreten sein?

Das ist so angedacht. Die Großmächte England, Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland sollten garantiert in der Exekutive sitzen, ohne sich den Wahlen beim Uefa-Kongress stellen zu müssen. Das wird wohl das System der Zukunft werden.Aber erstmal sollen sich die Deutschen klar auf eine Person festlegen.

Uli Hoeneß, der Manager von Bayern München, hat Karl-Heinz Rummenigge als nächsten Uefa-Präsidenten vorgeschlagen ...

warum nicht Franz Beckenbauer? Ist der nicht interessiert? Spaß beiseite. Ich kenne die Führungspersonen vom FC Bayern alle. Sie waren exzellente Spieler und sie sind auch kluge Sportpolitiker. Das trifft auch auf Mayer-Vorfelder zu, mit dem ich viele positive Erfahrungen gesammelt habe. Und er war immer loyal zu Egidius Braun.

Ist es sinnvoll, den 75-jährigen Egidius Braun durch den 66-jährigen Mayer-Vorfelder zu ersetzen? Spricht nicht die Perspektive eher für den 45-jährigen Rummenigge? Etwas mehr Jugend täte Ihrem Zirkel auch gut .

Manche Menschen sind 75 Jahre alt und sind richtig innovative Typen. Andere sind 45 und denken furchtbar konservativ. Aber noch viel wichtiger ist für mich, dass die Repräsentanten nicht länger nur in nationalen Kategorien denken, sondern europäisch. Ich bin nicht als Schwede in die Exekutive gewählt, ich soll Europa vertreten. Wir sollten möglichst schnell dahin kommen, dass immer mehr Mitglieder der Exekutive diesen europäischen Blickwinkel anwenden.

Ihre Zeit als Uefa-Präsident läuft im April 2002 ab. Haben Sie schon einen Nachfolger ausgeguckt? Den Spanier Vilar Llona oder den Schotten David Will, zwei aus der jüngeren Generation?

Wir sind dabei, ein Profil des neuen Präsidenten zu erarbeiten. Der nächste Uefa-Präsident sollte auch aufs politische Parkett passen.

Sepp Blatter ist der erste Fifa-Präsident, der über die neu eingeführte Klub-WM auch unter den Top-Vereinen mitmischt. Verliert die Uefa dadurch nicht Einfluss und Terrain?

Sepp Blatters Motive möchte ich dahingestellt lassen. Es ist doch klar, dass bei der Fifa die Weltmeisterschaften, Länderspiele und Verbände angesiedelt sind; die Geschäfte mit den Klubs sind Sache der Konföderationen. Wenn man das vermischt, funktioniert das ganze Gebilde nicht mehr. Dieses Turnier war doch eine Totgeburt.

Was will die Uefa tun, wenn die nächste Klub-Weltmeisterschaft in zwei Jahren in Europa stattfindet?

Ich bin ziemlich sicher, dass es dazu nicht kommen wird. Die erste Klub-WM in Brasilien war kein Erfolg, finanziell ist nichts herausgekommen. Anstatt erst einmal einen neuen internationalen Kalender einzuführen, haben wir uns neue Wettbewerbe und damit neue Probleme aufgehalst. Es war doch eine Tragödie, dass Manchester United bei 40 Grad Hitze und nur aus Gründen, die wir alle kennen, in Brasilien gespielt hat und wegen der Klub-WM die Teilnahme am FA-Cup, dem prestigeträchtigsten Wettbewerb der Welt, sausen ließ.

Auf diesem Gebiet denkt Blatter anders als die Uefa und die europäischen Top-Vereine. Blätter hätte gern die Saison Februar bis November, die Europäer aber wollen weiterhin im Rhytmus August - Mai spielen?

Immerhin hat Blatter schon mal zugegeben, dass wir die einzigen waren, die einen internationalen Kalender schon eingeführt hatten. Das sollte auch die Generalsekretäre der anderen Konföderationen anleiten, mit uns zum Konsens zu kommen. Jede andere Konföderation nimmt nur - wir sind die einzigen, die geben: Know-how, Geld, Hilfe für alle und in jeder Form. Und weil wir die Erfolgreichsten sind, sollen wir uns noch den Interessen der anderen Konföderationen richten? Das ist unfair.

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