• Europaweiter Protesttag zur Inklusion am 5. Mai : Was Nichtbehinderte von Behinderten lernen können

Europaweiter Protesttag zur Inklusion am 5. Mai : Was Nichtbehinderte von Behinderten lernen können

Sie geben nicht so schnell auf, sie sind hoch motiviert - und beraten als Mentaltrainer Weltkonzerne: Menschen mit Behinderung. Experten aus Wirtschaft und Gesellschaft erzählen, was sie von ihnen schon alles gelernt haben.

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Schulterschluss. Wenn alle schon in der Schule miteinander aufwachsen, können Berührungsängste erst gar nicht entstehen.
Schulterschluss. Wenn alle schon in der Schule miteinander aufwachsen, können Berührungsängste erst gar nicht entstehen.Foto: picture alliance / dpa

Die Gesellschaft entwickelt sich durch die Gleichstellung Behinderter weiter. Vier Experten berichten jeweils aus ihrem Bereich, welche Rolle Behinderte dort spielen.

Werner Zedelius, Allianz-Vorstand:

Werner Zedelius ist für Personalfragen der 148 000 Mitarbeiter in der ganzen Welt zuständig. Damit sein Unternehmen mit hoch motivierten und zufriedenen Mitarbeitern noch bessere Leistungen erzielt, setzt Zedelius auf die Kompetenz von Menschen mit Behinderungen auch aus dem Leistungssport. Warum?

„Das sind faszinierende Persönlichkeiten mit hoher Motivation, Lebenserfahrung und häufig hervorragenden Kommunikationsfähigkeiten“, sagt Zedelius, der als Vorstandsmitglied der Allianz SE in der Holding auch verantwortlich ist für den umkämpften Versicherungsmarkt in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz. Hierzulande analysierten viele Firmen und Konzerne eher die Schwächen der Mitarbeiter – anstatt „Stärken zu stärken“. So wie es behinderte Spitzenathleten tun, die, statt zurückzuschauen, nur nach vorne blicken.

Am Sonntag den 5. Mai ist großer internationaler Protesttag zur Inklusion - mit einer großen Veranstaltung am Brandenburger Tor. Mehr Informationen hier.

Die Allianz lädt daher in vielen Ländern Sportler mit Behinderung als „Motivational Speaker“, als Motivationstrainer zur Personalweiterentwicklung ein. Mal gibt es ein Treffen für Führungskräfte mit Spitzenathleten wie der Dressurreiterin Angelika Trabert. Mal sprechen Medaillengewinner wie der Weitspringer Markus Rehm, der Monoskifahrer Martin Braxenthaler oder der Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees, Sir Philip Craven, vor Teilen der Belegschaft. Die Referenten erzählen dann etwa, dass sie nach einer schlechten Leistung nicht mit Samthandschuhen angefasst werden wollen, sondern eine kritische Rückmeldung bekommen möchten. „Das ist der Kerngedanke, den wir von behinderten Sportlern gelernt haben“, sagt der Allianz-Manager. „Auch in unserem Unternehmen wollen wir offenes und ehrliches Feedback.“ Die „interne Feedback-Kultur“ solle weiter gepflegt und verbessert werden. Als langjähriger Förderer der paralympischen Bewegung ist Zedelius zudem „stolz darauf, dass wir auch einige behinderte Leistungssportler und Experten im Unternehmen beschäftigen“. Wie den Diskuswerfer Sebastian Dietz. Und Ruth Bartonek, die nicht zuletzt bei den Winterspielen in Sotschi als Allianz-Sprecherin wirkte. Zedelius sagt: „Weg mit den Schranken im Kopf.“

Lisa Reimann, Bildungsexpertin:

Zögerlichkeit? Berührungsängste? So etwas ist Lisa Reimann fremd, wenn es um den Umgang mit Menschen geht, die andere Fertigkeiten und Fähigkeiten haben als sie selbst. Die 32-Jährige aus Berlin-Schöneberg ist nach ihrer Einschulung 1988 erst an der Fläming-Grundschule und dann an der Sophie-Scholl-Gesamtschule mit teils schwer mehrfach behinderten Schulkameraden groß geworden. Davon habe sie stark profitiert: „Alle Welt redet davon, dass Soft Skills wichtiger werden. Mein Jahrgang hat nebenbei Rücksichtnahme, Einfühlungsvermögen und Empathie gelernt.“ In der Pionier-Inklusionsschule Berlins leisteten den gemeinsamen Unterricht zwei Fachkräfte. „Inklusionsforscher sagen, dass eine flächendeckende Inklusion nicht teurer ist. Im Gegenteil: Nach Expertenstudien erwerben 80 Prozent der Schüler der Lernbehindertenschule keinen Schulabschluss. Mit inklusiver Bildung hätten auch diese Schüler größere Chancen auf einen Schulabschluss und auf dem Arbeitsmarkt.“ Reimann studierte selbst Heilpädagogik, ist heute wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Behindertenpolitik und Dozentin für inklusive Pädagogik bei freien Trägern, der GEW (Homepage: www.inklusionsfakten.de). Doch bremsen die behinderten Kinder nicht die anderen in ihrer Entwicklung? Nein, im Gegenteil: In ihren Seminaren berichtet sie vom „„Lehr-Lerneffekt“, der eintritt, wenn Schüler in die Lehrerrolle schlüpfen und das eigene Wissen festigen, weil sie dem Schwächeren den Stoff erklären. In Inklusionsschulen werde in Lerngruppen nach Fähigkeiten individuell gefördert. „Für inklusive Bildung spricht auch die Tatsache, dass Skandinavien und Kanada, die in Sachen Inklusion viel weiter sind als Deutschland, bei den Ergebnissen der Pisa-Studie Spitzenplätze belegen.“ Und: „Inklusion ist ganz einfach Menschenrecht und gelebte Demokratie.“

Ute Schinkitz, Olympia-Trainerin:

Das erste Mal in einer Halle nur mit Behinderten bei der Schwimm-EM 1999, „das war sehr emotional und sehr berührend“. Wie auf die Menschen zugehen? Solche Berührungsängste sind für Ute Schinkitz längst Geschichte. Die 52-Jährige ist „Bundestrainerin Schwimmen (Paralympics)“ und hat den zweifachen Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele 2000, Stev Theloke, und Paralympicssiegerin Maria Götze gemeinsam trainiert. Was die Frau aus dem Ostseebad Nienhagen am Schwimmbeckenrand erlebt, lässt sich auf die Gesellschaft übertragen, sagt sie: „Ich habe gelernt, dass sich die meisten Behinderten nicht behindert fühlen. Das wird erst durch uns ,Nichtbehinderte‘ an sie herangetragen.“ Als Schinkitz jüngst amFlughafen Amsterdam angab, die fast blinde Schwimmerin und Passagierin Maike Naomi Schnittger sei behindert, gab diese retour: „Ich bin nicht behindert, ich sehe nur schlechter.“ Das mitmenschlich höfliche Fragen, ob sie hier helfen könne oder dort mitschieben solle, hat Schinkitz sich gern abgewöhnt. „Sie wollen ganz normal behandelt werden.“ Viele Menschen könnten von der Leistungsbereitschaft „einer Maria Götze oder einer Maike Naomi Schnittger“ profitieren. Deren „Zielgerichtetheit“ versucht die Trainerin weiterzugeben. Theloke und Götze haben gemeinsam ihre Leistung verbessert, „sich tagtäglich motiviert“. Die Bundestrainerin ist überzeugt: „Das Handicap beginnt im Kopf.“ Natürlich gebe es auch mal bedrückte Tage. Aber generell sind Menschen wie Maria Götze für sie „ein Sonnenschein“.



Ralf Asche, VW-Vertriebsleiter:

Wenn Ralf Asche von seinen Kunden erzählt, gerät er ins Schwärmen. „Menschen mit Behinderung sind eine besondere Zielgruppe : positiv, begeistert, dankbar, selbstständig – das macht total Spaß.“ Asche ist bei VW-Nutzfahrzeuge „Leiter Vertrieb an Zielgruppen“. Animiert haben den 51-Jährigen „unser Gerd Schmees und Martin Braxenthaler“. Der Erste ist ein Mitarbeiter, der eine Querschnittlähmung erlitt. Der Zweite ist mehrfacher Winter-Paralympicssieger im Monositzski. „Keiner hat so viel Kompetenz, die Kunden glaubwürdig zu beraten, wie die beiden“, sagt Asche. Die Rollstuhlfahrer schulen Händler und Verkäufer, „zeigen dann einen Tag aus ihrem Leben“. VW-Nutzfahrzeuge rüstet mit dem Anbieter AMF Bruhns „Caddys“ gegen einen Aufpreis mit Heckausschnitt und Senkrampen aus. Dann kann die Familie am Leben teilhaben. VW informiert auch Sanitätshäuser – wegen des demografischen Wandels wird der Markt größer.

Seit Schmees und Braxenthaler mitarbeiten, sagt Asche, sind die Umsätze deutlich gestiegen - ihretwegen. Schon als Asche einmal sah, wie Braxenthaler mitsamt seinem Rollstuhl vor Schülern in ein Becken im Schwimmbad sprang und alle johlten, war ihm klar: „Die Leute reißen einen einfach mit.“

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