• Event-Fan vs. Hardcore-Fan: „Komfort ist doch toll“ – „Fans brauchen das nicht“

Event-Fan vs. Hardcore-Fan : „Komfort ist doch toll“ – „Fans brauchen das nicht“

Schönes Eishockey oder nur Kommerz? Zwei Fans diskutieren über die Zukunft der Eisbären in der neuen Arena.

Event-Fan trifft harten Fan: René Jordan (42) und Maik Taubitz (25) sind Berliner Eishockeyanhänger. Jordan ging lange Zeit zu den Preussen, Taubitz war im Fanbeirat der Eisbären. Beide sprechen im Tagesspiegel vor dem ersten Spiel über Nachteile und Vorteile des Umzuges der Eisbären an den Ostbahnhof:

Am Sonntag ist es so weit. Die Eisbären laufen in der neuen Arena aufs Eis. Haben Sie schon Ihre Dauerkarten gekauft?

JORDAN: Na klar, die habe ich schon lange.

TAUBITZ: Ja, am Donnerstag habe ich dann doch eine bekommen.

Das hört sich ja weniger begeistert an...

TAUBITZ: Ich bin ja auch nicht wirklich begeistert von der neuen Halle, da ist doch alles von Kommerzialisierung bestimmt. Das fängt an bei überteuerten Preisen – ein Bier kostet jetzt 3,80 Euro und nicht mehr 2,60 wie im Welli – und geht über Möchtegernveranstaltungen bis hin zu den vielen Vip-Gästen.

JORDAN: Aber wir haben doch die neue Halle gewollt. Ohne die Arena würde es die Eisbären nicht mehr geben. Irgendwie verstehe ich die Preisstruktur in der Halle auch, denn der Eigner denkt wirtschaftlich. Ich selbst werde mir allerdings keinen Kaffee dort kaufen. Der kostet 2,20 Euro.

TAUBITZ: Es stimmt, dass es die Eisbären ohne den Kauf durch Anschutz nicht mehr geben würde, er hat das Team am Leben gehalten. Aber die Umsetzung ist das Problem.

Inwiefern?

TAUBITZ: Ich denke, dass eine Halle für 7000 bis 8000 Menschen ausgereicht hätte. Dafür gibt es gute Beispiele in anderen Städten. Für die Fankultur im Eishockey könnte die große Arena tödlich sein.

JORDAN: Die Größe finde ich völlig in Ordnung, denn so hat jeder Berliner eine Chance, gutes Eishockey zu sehen. Es gab doch bisher so viele, die die Eisbären nicht miterleben konnten, weil es zu wenig Platz in der alten Halle gab.

TAUBITZ: Ja, aber die meisten sind doch dann eh nur Event-Fans.

Was spricht gegen ein Event-Publikum?

TAUBITZ: Jeder, der in den Wellblechpalast kam, wollte die Eisbären sehen. Jetzt kommen ganz andere Leute. Am Dienstag, beim Testspiel vor der Eröffnung, wurde mir gesagt: Weg mit der Schwenkfahne. In Amerika gäbe es so was auch nicht.

JORDAN: Mir hat es gut gefallen.

TAUBITZ: Im Wellblechpalast war man näher dran, und alles war friedlich: Da sind kaum Polizisten gewesen. Das ändert sich jetzt. Was da jetzt an Security rumläuft... das ist total unentspannt. Dafür sorgen auch die vielen Überwachungskameras.

Glauben Sie, dass das alle so kritisch sehen oder nur die Fans auf den Stehplätzen?

TAUBITZ: Am Fan wurde jedenfalls völlig vorbeigedacht. In Mannheim zum Beispiel ist es besser. Da merkt man, dass der Eigentümer Dietmar Hopp etwas fürs Eishockey übrig hat. Der unterstützt die Fans, hat eine Fankneipe errichten lassen, die aussieht wie ein Eishockeyfeld. Eine Kneipe wurde uns ja auch versprochen, von Detlef Kornett persönlich...

... dem Chef des Eisbären-Eigentümers, der Anschutz-Gruppe...

TAUBITZ: ... ja, und was haben wir jetzt bekommen? Einen engen Raum. Der ist kleiner als der Whirlpool der Spieler.

JORDAN: Aber Eure Stehtribüne habt Ihr bekommen...

TAUBITZ: Unsere Stehplatzkurve haben wir uns hart erkämpft. Wenn das angenommen wird, dann dürfen wir weiter stehen.

JORDAN: Zehn Spiele lang ist Euer Ultimatum, habe ich gehört?

TAUBITZ: Mal sehen, ob wir uns gegen das Event-Publikum durchsetzen können.

Gibt es ein also ein zweigeteiltes Publikum oder gar eine Zweiklassengesellschaft unter den Zuschauern?

TAUBITZ: Es sieht so aus. Im Wellblechpalast war jeder gleich, jetzt stehe ich auf dem Raucherbalkon und die Vips schauen mir auf den Kopf. Das halbe Stadion ist für Vips und Sponsoren. Das ist ein großes Problem.

JORDAN: Ich finde es gut, dass möglichst viele Leute kommen – auch Eventis. Im weitesten Sinne bin ich ja selbst ein Event-Fan.

Wie viel verlieren die Eisbären durch den Umzug an ihrem Profil?

TAUBITZ: Im Moment geht das noch. Aber es wird was auf der Strecke bleiben. Die Nähe zur eigenen Mannschaft und den Fans der Gegner wird immer weniger werden.

Ist es aber nicht auch eine Chance als Ostklub im gesamten Berlin anzukommen?

TAUBITZ: Das ist einer der wenigen positiven Aspekte an der Arena.

JORDAN: Ich glaube sogar, dass viele ehemalige Fans der Preussen kommen. Schon allein um sich die Gegner anzugucken.

TAUBITZ: Da bin ich nicht so sicher...

JORDAN: Ich schon, außerdem glaube ich, dass viele auf Entertainment stehen. Ich ja auch. Hoffentlich wird die Stimmung gut, so wie früher bei den Preussen und dann jetzt zuletzt bei den Eisbären.

TAUBITZ: Preussen???

JORDAN: Ja, bei denen hatte ich früher auch eine Dauerkarte.

TAUBITZ: Mein Gott, das geht ja gar nicht.

JORDAN: Ich bin eben Eishockeyfan. Ich setzte mich in die Halle, tauche ein und genieße das Spiel. Der Komfort ist doch toll.

TAUBITZ: Komfort brauche ich nicht. Der Stehplatz ist für mich eine Einstellungssache. Aber es liegt im Endeffekt auch an uns, einen Hexenkessel aus der neuen Arena zu machen. Wenn die Stimmung dort nicht gut ist, dann gehe ich vielleicht auch zur zweiten Mannschaft, den Juniors. Die spielen ja weiter im Wellblechpalast.

Das Gespräch führten Katrin Schulze und Claus Vetter.

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