• Ewald leistet in Verhandlungspause Abbitte und präsentiert sich als desorientierter alter Mann

Sport : Ewald leistet in Verhandlungspause Abbitte und präsentiert sich als desorientierter alter Mann

Frank Bachner

Plötzlich war das Bild der Vergangenheit nur noch ein alter, gebrechlicher Rentner, der müde wirkte, nur müde. Schon dieses Bild überraschte Rica Reinisch. Aber dann sprach dieser müde Mann auch noch, mit leicht brüchiger Stimme. Und da war Rica Reinisch noch überraschter. "Ich bitte für das, was ich Ihnen getan habe, um Entschuldigung", sagte Manfred Ewald gestern in einer Verhandlungspause. "Aber ich weiß nicht, was hier passiert und worüber hier gesprochen wird." Gesprochen wurde hier, im Saal 501 des Landgerichts Moabit, über Beihilfe zur Körperverletzung an Minderjährigen, über Nebenwirkungen von Doping-Mästerei. Früher war Ewald der DDR-Sportchef, jetzt ist er einer der Angeklagten. Früher war Rica Reinisch Weltklasse-Schwimmerin. Mit 15 gewann sie drei olympische Goldmedaillen, mit 15 schluckte sie Anabolika. Heute ist sie Nebenklägerin. Rica Reinisch sagt: "Er simuliert. Diese Entschuldigung kann ich nicht annehmen."

Ewald ist 73. Gestern schob er sich regelrecht aus dem Gerichtsgebäude, mit durchgedrückten Knie, mit einem Gang, der nicht weit enfernt von Schlurfen ist. Vor zwei Wochen hatte er Journalisten noch lautstark angeherrscht: "Was ist denn hier los?". Vor zwei Wochen war er noch zügig gegangen. Vor zwei Wochen hatte er noch gegrinst, zynisch oder gequält, das war schwer festzustellen. Diese Bilder hatte Rica Reinisch noch im Gedächtnis. Aber vor zwei Wochen noch war Ewald dreieinhalb Stunden pro Tag verhandlungsfähig. Seit gestern sind es nur noch zwei Stunden. Das hat ein Gutachter festgestellt. Das Ergebnis eines zweiten Gutachters ist noch nicht bekannt.

Im Prozess schwieg Ewald. Dafür kam Manfred Höppner zu Wort, der ehemalige hochrangige Sportarzt. Zumindest indirekt kam er zu Wort. Richter Dickhaus las aus seinen Vernehmungsprotokollen vor. Höppner gab zu, dass Sportler mit Dopingmitteln gefüttert wurden. Er gab auch zu, dass er daran beteiligt war. Aber noch mehr präsentierte er sich vor Kripo und Staatsanwaltschaft als Mahner und Warner und zum Schluss sogar als Einzelkämpfer gegen Doping-Auswüchse. "Ich habe", gab Höppner zu Protokoll, "Ewald auf Stimmenvertiefungen bei Schwimmerinnen aufmerksam gemacht." Und auf weitere Doping-Folgeschäden. "Aber Ewald hat nur erklärt, dass kein Leistungsabfall eintreten darf." Allerdings, so die Anweisung von oben, sollten nun Folgeschäden möglichst reduziert werden.

Schon 16-Jährige seien ins Doping-System einbezogen worden, sagte Höppner bei der Vernehmung. Aktenkundig ist allerdings, dass schon viele noch jüngere Athletinnen Dopingpillen erhielten. "In Einzelfällen", gab Höppner zu, "habe ich die Dopingkonzeption bei Athleten, die jünger als 16 waren, bestätigt, aber das war nicht meine generelle Linie." Überhaupt habe er sich erst bei der Analyse von Jahres-Trainingsplänen zusammengereimt, dass Jugendliche unter 16 Anabolika erhielten. Weil es ehrgeizige Trainer und Ärzte gab, "weil das System nicht hundertprozentig perfekt war". Er habe dann darauf gedrängt, dass diese Sportler aus dem Doping-Programm genommen würden. Außerdem habe er Ewald auf diesen Pillen-Einsatz bei 14- und 15-Jährigen aufmerksam gemacht. Allein Ewald, sagte Höppner, hätte in der DDR den Einsatz der Dopingsubstanzen stoppen können. Niemand anders. Als Höppner mal in Eigenregie 1989 bei einer Besprechung mit Ärzten weiteren Doping-Einsatz verbot, da, sagte der Sportmediziner, habe es reihenweise Proteste bei der DTSB-Spitze gegeben. Und nichts habe sich geändert. Höppner: "Ich fühlte mich allein gelassen."

Irgendwann mal, als sie das alles nicht mehr hören konnte, verließ Rica Reinisch den Saal. "Ich war geladen, ich konnte es nicht mehr aushalten." Sie leidet unter Stimmvertiefung, Folge des Anabolika-Einsatzes. Später, im Saal, redete sie über das Seelenleben eines Doping-Opfers. "Damit klar ist, was in uns vorgeht." Doch Ewald wurde gar nichts klar. Er war gestern nur ein gebrechlicher Rentner, ein 73-Jähriger, der wirkte wie 90. Er verstand nicht, "worüber hier geredet wird". Sagte er jedenfalls.

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