EX-BUNDESTRAINER VLADO STENZEL : „Der Spielertyp Wunderlich fehlt mir“

Herr Stenzel, der deutsche Handball trauert um Erhard Wunderlich. Wie haben Sie von der Nachricht gehört?

Ich habe es aus den Nachrichten erfahren wie alle anderen auch und war schockiert. Ich wusste nicht einmal, dass Erhard so schwer krank war. Wir hatten uns zuletzt gesehen, als er mich vor drei Jahren an meinem 75. Geburstag mit einer großen Flasche Sekt besucht hat. Da haben wir uns das letzte Mal richtig lang unterhalten. Aber irgendwie ist das Ende auch typisch für ihn.

Was meinen Sie?

Nicht, dass wir uns falsch verstehen, Erhard war ein aufgeschlossener, selbstsicherer Mensch, aber auch ein Einzelgänger. Wie kann es denn sein, dass wir als alte Wegbegleiter erst von seiner Krankheit erfahren, als es bereits zu spät ist? Er ist eben immer irgendwie seinen eigenen Weg gegangen. Auch wenn wir uns nach der Karriere ein wenig aus den Augen verloren hatten, ist sein Tod für mich persönlich ein furchtbarer Verlust.

Es heißt, ohne Wunderlich hätte ihre Mannschaft 1978 niemals den Weltmeistertitel gegen die Sowjetunion gewonnen. Stimmen Sie dem zu?

Das unterschreibe ich sofort, auch alle Mitspieler von damals, da bin ich mir sicher. Erhard Wunderlich war zwar der jüngste Spieler im Kader, aber hatte schon eine unglaubliche Präsenz, auf dem Feld und daneben. Der WM-Titel war der Anfang seiner Legende. Danach habe ich ihn zu einem der besten Spieler aller Zeiten aufgebaut. Wenn ich mich heute so umschaue, fehlt mir der Spielertyp Wunderlich an allen Ecken und Enden. In der Bundesliga gibt es nicht ansatzweise einen wie ihn.

Wie kommt das?

Die meisten Trainer setzten viel zu sehr auf Physis und vernachlässigen den spielerischen Part. Deshalb rennen da jetzt zwar Maschinen über das Feld, aber wirklich Handball spielen können nur die wenigsten.

Was hat den Sportler Wunderlich denn so einzigartig gemacht?

Das Gesamtpaket war unschlagbar, das fing bei seiner Größe an. Suchen Sie heute mal einen Spielmacher, der 2,04 Meter groß ist, der außerdem im rechten und im linken Rückraum spielen kann, unmöglich. Außerdem verfügte er über eine Technik, wie sie heute vielleicht nur noch Ivano Balic hat, der ist wohlgemerkt 1,89 Meter groß. Dazu seine Wurfstärke, die Anspiele, der Spielwitz, seine Ästhetik gepaart mit seiner Physis. Ich könnte stundenlang weitermachen.

Das Gespräch führte Christoph Dach

Vlado Stenzel, 78, Spitzname „Magier“, war Trainer des

deutschen Handball-

Nationalteams, das 1978 mit Wunderlich die Weltmeisterschaft gewann.

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