• Ex-Radprofi Jens Voigt zur Tour de France: "Ich hoffe, dass die Tour eine Initialzündung ist"

Ex-Radprofi Jens Voigt zur Tour de France : "Ich hoffe, dass die Tour eine Initialzündung ist"

Der frühere Radprofi Jens Voigt über den Tour-Start, die Chancen der deutschen Fahrer und den neuen Umgang mit Doping.

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Jens Voigt, 45, nahm zwischen 1998 und 2014 17 Mal in Folge an der Tour de France teil. 2014 beendete er seine Karriere. Er ist nun vor allem als Berater für seinen ehemaligen Rennstall Trek tätig.
Jens Voigt, 45, nahm zwischen 1998 und 2014 17 Mal in Folge an der Tour de France teil. 2014 beendete er seine Karriere. Er ist...Foto: Sören Stache/dpa

Herr Voigt, die Tour de France ist in Düsseldorf gestartet. Was bedeutet das für den Radsport in Deutschland?

Ich hoffe, dass die Tour eine Initialzündung ist, damit der Radsport in Deutschland wiederbelebt wird. Damit wir auch aus der Dopingecke herauskommen und eine neue Chance bekommen. Ich erinnere mich noch an meine letzte Frankreich-Rundfahrt als Fahrer. Damals ging es in England los. Das halbe Land stand an der Strecke und die andere Hälfte hat am Fernsehen zugesehen. Das war ein Riesenspaß für alle. Diese Atmosphäre und Leidenschaft erhoffe ich mir auch für Düsseldorf.

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Sie sind mit 17 Teilnahmen an der Tour de France Rekordhalter. War das die Quälerei wert?

Der Sport war nicht nur ein Job für mich, sonst machst du das nicht so lange. Aber Radfahren ist natürlich auch hart und körperlich gefährlich. Ohne Stürze geht das nicht ab. Ich glaube, ich habe elf gebrochene Knochen, 25 Schrauben und Nägel im Körper und insgesamt 120 Stiche – wo ich überall genäht worden bin! Dazu kommt das viele Training und die entsprechende Ernährung. Trotzdem musst du das mit Liebe machen, sonst bringt es nichts. Und das habe ich.

Was ist Ihre schönste Erinnerung?

Ich bin insgesamt 340 oder 345 Tour-Etappen gefahren, also fast ein Jahr meines Lebens. Da einen Moment herauszugreifen, wäre fast unfair. Aber als Carlos Sastre aus meinem Team die Tour 2008 gewonnen hat und wir auch als komplettes Team in Paris angekommen sind, war das schon besonders. Du stehst an einem schönen sonnigen Nachmittag auf dem extrabreiten Siegerpodest, vor dir die gesamte Weltpresse und hinter dir der Triumphbogen. Da habe ich gedacht: Eigentlich müssten wir jetzt alle aufhören. Es kann nicht mehr besser werden, als vor einer Million Menschen hier zu feiern.

Ein Jahr später sind Sie dann bei der Tour schwer gestürzt. Da hätten Sie dann ja theoretisch auch wieder aufhören können.

Nein. Ich wollte auf keinen Fall als derjenige in Erinnerung bleiben, der nach seinem Sturz aufgehört hat. Ich hätte mich wie ein Feigling, wie ein Verlierer oder Versager gefühlt. Glücklicherweise hat meine Frau damals auch erkannt, wie sehr das an mir genagt hat. Sie hat mich sehr in meiner Entscheidung bestärkt, weiterzumachen. Weil sie erkannt hat, dass ich sonst unglücklich gewesen wäre. Es gibt ja auch viele Beispiele, wo genau das eingetreten ist, weil die Leute zu früh aufgehört haben. Und deshalb war für mich immer klar, dass ich alles aus mir herausquetsche und so lange weiterfahre, bis jede einzelne Zelle meines Körpers schreit: ‚Hör endlich auf!’ Deshalb habe ich heute auch null Sehnsucht nach einem Comeback.

Ist es generell schwer für einen Berufssportler, den Job aufzugeben und sich neu zu orientieren?

In den ersten sechs Monaten nach meinem Karriereende habe ich jegliche sportliche Aktivität verweigert, die mich auch nur im Geringsten zum Schwitzen gebracht hätte. Es hilft natürlich, wenn du eine intakte Familie hast. Denn als Leistungssportler kann es passieren, dass du im Leben danach in ein Loch fällst. Eben haben noch eine Million Leute deinen Namen geschrien und jetzt? Dazu kommt der ganz normale Alltag, den man erst einmal meistern muss. Das kannte man in seinem bisherigen Profi-Umfeld ja gar nicht, weil einem da alles abgenommen wurde. Darauf musst du dich vorbereiten, und das habe ich auch schon während meiner Karriere getan.

Oft hilft auch, sich einer neuen sportlichen Herausforderung zu stellen.

Das stimmt. Ich habe für mich das Laufen entdeckt und betreibe das auch ziemlich exzessiv. Gerade vor ein paar Tagen bin ich in Kalifornien meinen eigenen privaten Marathon gelaufen. Immer fünf Kilometer vom Auto weg und wieder zurück. Dazwischen dann was trinken, wieder los und fünf Kilometer in die andere Richtung. Das Laufen ist für mich so eine Art Selbstfindungstrip.

USA, Spanien, Italien und Thailand – in den vergangenen Wochen vor der Tour waren Sie permanent unterwegs. Es scheint fast so, als wären Sie noch seltener zu Hause als früher.

Tatsächlich sind es noch zwei, drei Wochen weniger. Ich bin 200 Tage im Jahr weg und 165 zu Hause. Ich befinde mich eigentlich permanent im Jetlag, weil ich immer nur ein paar Tage weg bin.

Hatten Sie sich denn Ihren Sportler-Ruhestand so vorgestellt?

Ich hatte eher Angst, dass ich keinen Job finde und wir vielleicht unser Haus verkaufen müssen. Dass ich jetzt Arbeit habe und meinen früheren Rennstall berate, bedeutet ja auch, dass ich noch begehrt bin – und Geld verdiene. Entgegen landläufiger Meinung bin ich nämlich weit davon entfernt, Millionär zu sein. Ich will mich nicht beschweren, aber ich habe eben auch immer in Deutschland gelebt und hier Steuern gezahlt – nicht irgendwo in der Schweiz oder Monaco. Und sechs Kinder großzuziehen, kostet natürlich auch ein, zwei Euro.

Wie muss man sich das Leben im Hause Voigt in Berlin denn so vorstellen? Erzählen Sie da häufiger mal Anekdoten aus ihrer Radsportkarriere oder machen einen Familien-Videoabend mit Ihren persönlichen Rennhöhepunkten?
Ach was. Das interessiert die Kinder gar nicht. Auch wenn aktuell im Fernsehen Radsport gezeigt wird, kann ich mich da nicht durchsetzen.

Aber 2010, als Sie auf einer Tour-Etappe dem Feld mit dem Kinderfahrrad hinterhergejagt sind, muss das doch zu Hause der Renner gewesen sein?
Ganz ehrlich? Meine Kinder wissen sehr wenig über meine Karriere. Wenn ich beim Spazierengehen erkannt werde und ich denen dann erkläre, dass ich ein bisschen berühmt bin, dann wundern die sich eher und fragen: ‚Wie kannst du denn berühmt sein? Du bist doch nur Papa’.

Das bedeutet, dass es auch keinen Nachfolger aus dem Hause Voigt im Radsport geben wird?

Mein Sohn Julian ist mal fünf Jahre lang gefahren. Der Radsportler in mir hat sein Talent erkannt. Sein Tritt war schön rund und ausbalanciert. Aber irgendwann ist er dann zu mir gekommen und hat gesagt: ‚Du Papa, am Sonntag um sechs Uhr aufstehen, zwei Stunden zu einem Rennen fahren, dort dann warten, bis ich dran bin und erst um 19 Uhr wieder zu Hause sein – das will ich nicht mehr’.

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