Ex-Real-Trainer Jupp Heynckes : „Die Journalisten wussten mehr als ich“

Der frühere Real-Trainer Jupp Heynckes über seine Erfahrungen in Madrid und Bernd Schuster.

Jörg Strohschein

Herr Heynckes, Ihr Trainerkollege Bernd Schuster soll neuer Coach bei Real Madrid werden. Können Sie ihm da vielleicht aus eigener Erfahrung ein paar Tipps geben?

Gerade in Madrid und Barcelona ist der Stellenwert der Medien noch extremer als andernorts. Sie reichen weit in den Klub hinein und haben viel größeren Einfluss als hier in Deutschland.

Worin macht sich das bemerkbar?

Ein Beispiel. Als ich noch auf Teneriffa gearbeitet habe, rief mich plötzlich ein einflussreicher Journalist an und sagte zu mir: ,Sie sind der nächste Trainer von Real Madrid.‘ Da wusste er mehr als ich, aber er hat recht behalten. Aber womöglich ist das bei Bernd Schuster anders, dort ist vielleicht schon alles geregelt.

Sie meinen, dass es schon einen Vorvertrag gibt, wie Angel Torres, der Präsident von Schusters derzeitigem Klub FC Getafe, vermutet?

Ich weiß nicht, ob es schon eine Einverständniserklärung gibt. Aber eigentlich wird so etwas professionell abgewickelt durch die Berater.

Stört diese Diskussion Bernd Schuster nicht? Immerhin tritt seine Mannschaft am Samstag im spanischen Pokalfinale gegen den FC Sevilla an.

Nein, denn er und die Mannschaft haben ein großes Ziel vor Augen. Die Diskussion um seine Person und den Wechsel zu Real Madrid gibt es ja schon länger in Spanien. Deshalb dürfte auch keiner mehr davon überrascht sein, auch nicht von der derzeitigen Wucht. Das darf nicht in der Konzentration stören, und das wird auch Bernd Schuster nicht stören.

Wie schätzen Sie Getafes Chancen ein?

Der neunte Platz in der Liga ist für diesen kleinen Klub hervorragend. Ich war beim Halbfinal-Rückspiel in Getafe gegen den FC Barcelona vor Ort, als Bernd Schusters Mannschaft mit 4:0 gewonnen hat. Das war fantastisch. Sie zeigen eine enorme mannschaftliche Geschlossenheit und haben ein ganz starkes Defensivverhalten. Mit 33 Gegentoren bildet Getafe gemeinsam mit dem FC Barcelona die beste Abwehr in der spanischen Liga – aber die spielen auch mutig nach vorne. Eine sehr variable Mannschaft.

Ist diese Variabilität Bernd Schusters Verdienst?

Er selbst war ja auch ein kreativer Spieler. Schuster versteht sehr viel vom Fußball, und das kann er auch seinem Team vermitteln. Seine Mannschaft spielt auffallend ehrgeizig, engagiert und aggressiv. Das macht sie so erfolgreich.

Trauen Sie ihm schon zu, einen so großen Klub wie Real Madrid zu trainieren?

Er hat ja schon in Levante und jetzt in Getafe für Furore mit seinen Mannschaften gesorgt. Und ein Mann, der so eine fußballerische Karriere gemacht hat, der hat es sicher etwas leichter, zu einem so großen Klub zu kommen. Aber entscheidend bleibt, wie seine Mannschaften Fußball spielen. Und das hat den Verantwortlichen von Real wohl gefallen.

Aber gerade die Verantwortlichen von Real Madrid sind nicht leicht dauerhaft zufriedenzustellen.

Das stimmt. Gerade die Trainerentlassungen sind oft nicht nachvollziehbar. Ob ich es war, oder ob es mein Kollege Vicente del Bosque und einige andere waren, oder ob es jetzt Fabio Capello ist. Viele davon haben Titel gewonnen und mussten trotzdem gehen. Aber wenn man Real Madrid kennt, weiß man, wie dort Politik gemacht wird.

Das Gespräch führte Jörg Strohschein.

Jupp Heynckes, 62, gewann 1998 als Trainer mit Real Madrid die Champions League. Zudem betreute der einstige Nationalspieler auch den FC Bayern, Schalke und Mönchengladbach.

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