Sport : Experiment Europa

Die neue Champions League und russisches Geld sollen das kontinentale Eishockey zusammenführen – mal wieder

Claus Vetter

Berlin – Kärpät Oulu. Was ist das? Don Jackson hatte von einer Mannschaft dieses Namens bis vor ein paar Monaten noch nie etwas gehört. Auch Sven Felski muss zugeben, „dass ich über die gar nichts weiß“. Dem Trainer und dem langjährigen Stürmer vom EHC Eisbären kann geholfen werden: Kärpät Oulu ist finnischer Eishockeymeister, ein Team allerdings ohne die Popularität von Jokerit oder HIFK Helsinki. Der einzige Spieler, der schon in der nördlichsten Großstadt der Europäischen Union (130 000 Einwohner) und in Berlin gespielt hat, war Jewgeni Dawydow, einst Stürmer der Berlin Capitals.

Die Unwissenheit von Jackson und Felski ist nicht ungewöhnlich. So ist das halt im europäischen Eishockey. Jeder beschäftigt sich vor allem mit der eigenen Liga, denn da bringen gewachsene nationale Animositäten den nötigen Spannungsfaktor. Auch in Berlin sehen die Fans wohl lieber ein Spiel der Eisbären gegen Hamburg als eines gegen Oulu. Insofern ist es ein gewagtes Experiment, das der Eishockey-Weltverband IIHF heute startet: Die Champions Hockey League (CHL) soll Europas Spitzenklubs näher zusammenbringen, für den Deutschen Meister Eisbären beginnt das Abenteuer mit dem Spiel gegen Oulu (19.30 Uhr, O2-World am Ostbahnhof).

Nun gab es schon viele Versuche, das europäische Klubeishockey gewinnbringend zusammenzubringen. Doch alle diese Unternehmungen wurden wieder aufgegeben: der Europapokal (1965 bis 1997), die European Hockey League (1996 bis 2000) und der Champions Cup (2005 bis 2008). Was allerdings die neue CHL von ihren Vorgängern unterscheidet, ist der Kern des Profisports überhaupt: Geld. Zehn Millionen Euro Preisgeld werden in der ersten Champions-League-Saison ausgeschüttet. Für einen Sieg im Finale gibt es eine Million Euro, Verhältnisse, die im europäischen Mannschaftssport außerhalb des Fußballs bislang undenkbar waren. Für den Finalsieg in der Handball-Champions- League gibt es 80 000 Euro.

Wo das Geld im Eishockey herkommt? Aus Russland. Vor allem Großsponsor Gazprom zahlt – die Finanzierung der neuen Liga ist vertraglich auf drei Jahre gesichert. Wie die Eisbären, die allein 300 000 Euro für ihre Teilnahme bekommen, verdienen auch die Deutsche Eishockey-Liga (300 000 Euro) und der Eishockey-Bund (100 000 Euro) an der Champions League. Und die Berliner können nun dazuverdienen, mit Siegprämien und dem Einzug in die nächste Runde. Letzteres aber erscheint nicht einfach. Neben Oulu ist noch der russische Spitzenklub Metallurg Magnitogorsk in der Berliner Gruppe und nur das erstplatzierte Team zieht nach Hin- und Rückspiel ins Halbfinale ein. In der ersten CHL-Saison sind nur zwölf Mannschaften aus den besten sieben europäischen Eishockeynationen dabei (Russland, Tschechien, Slowakei, Finnland, Schweden, Schweiz und Deutschland), im kommenden Jahr dürfen sich dann auch Teams aus der zweiten europäischen Reihe in der Qualifikation versuchen.

In Berlin scheint das Abenteuer Champions League durchaus ernst genommen zu werden. Der Zuschauerzuspruch für das erste Spiel ist gut - am Dienstag waren schon über 13 000 Karten abgesetzt worden, wobei die Eisbären mit Freikartenverteilungen nachgeholfen haben. Manager Peter John Lee sagt aber auch: „Die Idee zu der Liga macht einen guten Eindruck, die Strukturen erscheinen sinnvoll.“ Das Wichtigste sei jedoch, dass die Champions League „vor allem wegen ihrer Wirtschaftlichkeit interessant“ sei.

1999 kamen die Eisbären immerhin auf den dritten Platz in der European Hockey League. Was ist diesmal machbar? Trainer Don Jackson sagt natürlich, dass mit allem zu rechnen sei: „Wir können auch in der Champions League jeden schlagen.“ Also auch Oulu, wobei für die Eisbären erleichternd hinzukommen könnte, dass noch am Wochenende 15 Spieler des Gegners wegen einer Lebensmittelvergiftung im Bett lagen. Am Dienstag aber sollen bis auf einen Profi alle schon wieder gesund gewesen sein. Vielleicht hat die Aussicht auf die opulenten Siegprämien der Champions League zur schnellen Regeneration beigetragen.

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