Sport : Experiment gescheitert

Gladbachs Auswärtsproblem lässt sich auch durch Verschweigen nicht lösen

Stefan Hermanns

Berlin - Die Aufbauarbeit von Jupp Heynckes bei Borussia Mönchengladbach beginnt langsam zu fruchten, bei Michael Delura sind bereits erfreuliche Fortschritte zu erkennen, zumindest in Sachen positives Denken. „Man kann aus solchen Niederlagen viel lernen“, sagte der Mittelfeldspieler nach dem 1:2 bei Hertha BSC in Berlin. Und überhaupt sei das Spiel schon „ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, da wir nicht so wie gegen Bremen untergegangen sind“. Der Vergleich fällt allerdings nur deshalb schmeichelhaft aus, weil die Vergleichsgrundlage so dürftig war. In Bremen hatten die Gladbacher innerhalb von sechs Minuten drei Gegentore kassiert.

Jupp Heynckes dürfte Deluras Sicht der Dinge trotzdem gefallen haben. Borussias Trainer hat seinen Spielern zuletzt ein Schlecht-Denkverbot auferlegt. Von der verheerenden Auswärtsschwäche durfte nicht mehr gesprochen werden, und als nach dem Spiel das böse A-Wort fiel, wurde Heynckes erstaunlich laut. „Ich kann es nicht mehr hören!“, rief er. Es war eine Art erkenntnistheoretisches Experiment, das Borussias Trainer der Mannschaft, dem Verein und den Mönchengladbacher Medien verordnet hatte: Ist es möglich, sich die Wirklichkeit schönzuschweigen? Nach dem Auftritt in Berlin muss dieser Versuch wohl als gescheitert gelten. Viermal haben die Borussen in dieser Saison auswärts gespielt, viermal haben sie verloren.

„Das Problem wird gelöst“, sagte Heynckes. „Man muss daran arbeiten.“ Das hört sich schon weit weniger zuversichtlich an als zu Beginn der Saison, als der erfahrene Trainer auf die Segnungen seiner Biografie verwies. Mit vielen seiner Mannschaften habe er gerade auswärts erfolgreich gespielt. Inzwischen ist Heynckes Leidtragender eines Phänomens, das er weder ausgelöst noch allein zu verantworten hat. Die pathologische Schwäche der Gladbacher in fremden Stadien hat mehrere Trainer und verschieden zusammengesetzte Mannschaften überdauert. Seit dem Aufstieg 2001 hat Gladbach von 89 Auswärtsspielen gerade neun gewonnen. Erklären kann man das nicht, nur immer wieder erstaunt zur Kenntnis nehmen.

Heynckes bescheinigte seinen Spielern am Samstag eine „couragierte und engagierte Gesamtleistung“, doch gerade an Courage hatte es den Borussen in Berlin gefehlt. „Wir trauen uns zu wenig zu“, klagte Delura. „Wir rücken nicht schnell genug nach und sind teilweise nur mit drei Mann vorne.“ Zur Unentschlossenheit vorne gesellt sich Leichtfertigkeit hinten – und fertig ist die Auswärtsniederlage.

Bisher haben die Gladbacher jeder Pleite in der Fremde einen Heimsieg folgen lassen, doch auf diesen Automatismus scheinen die Spieler mit jeder Auswärtsniederlage weniger zu vertrauen. „Wir können nicht immer darauf zählen, dass wir zu Hause gewinnen“, sagte Delura, zumal die Borussen bis zum nächsten Heimspiel noch einmal auswärts antreten müssen, am Mittwoch im DFB-Pokal bei Regionalligist VfL Osnabrück. „Vielleicht ist es eine Befreiung, wenn man sieht, dass es funktioniert“, sagte Peer Kluge. Die Gladbacher müssten dazu in Osnabrück nur gewinnen. Nur.

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