Experiment : Klinsmann und Bayern trauen sich was

Jürgen Klinsmann übernimmt die Bayern. Er bringt seine Familie und einen Stab von Spezialisten mit. Für beide Seiten - Verein und Trainer - wird es nicht einfach

Michael Neudecker[München]

Ein bisschen komisch sah das schon aus, wie diese Schilder da am großen Pult hingen: „Uli Hoeneß“ links, „Karl-Heinz Rummenigge“ rechts, jeweils mit dem Wappen des FC Bayern darüber, und dazwischen: „Jürgen Klinsmann“, auch mit dem Emblem des deutschen Fußball-Branchenführers. Und dann, um 15.57 Uhr, kam er: Jürgen Klinsmann, Schwabe, Wahl-Amerikaner, ehemaliger Bundestrainer und als solcher Schöpfer des Sommermärchens, ehemaliger Bayern-Stürmer und als solcher Zerstörer einer Werbetrommel – und ab 1. Juli 2008 neuer Trainer des FC Bayern. Ja: Ganz Deutschland war in Aufruhr, als die Nachricht vom Zwei-Jahres-Vertrag bekannt wurde. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, dass sie sich freue, ein Lokal-Radiosender rief bei Klinsmanns Mutter an und überraschte sie angeblich mit der Nachricht, und im Münchner Arabella Sheraton Hotel herrschte eine Betriebsamkeit mit nicht zu zählenden Journalisten, Fernsehkameras und Fotografen, als stünde eine Audienz beim Papst persönlich bevor.

„Es ist angenehm und erfreulich, dass Jürgen Klinsmann unser neuer Trainer wird“, sagte der Bayern-Vorsitzende Karl-Heinz Rummenigge, und betonte, „dass Jürgen unser absoluter Wunschkandidat war“. Rummenigge selbst hatte die Idee aufgebracht, Klinsmann als Nachfolger des im Sommer scheidenden Ottmar Hitzfeld zu holen, „und wir waren alle sofort dafür“, wie Manager Uli Hoeneß erzählte. Hoeneß traf sich noch während seines Weihnachtsurlaubes mit dem Berater von Klinsmann, es gab ein paar Gespräche, die, wie der Verhandlungsleiter und FCB-Finanzvorstand Karl Hopfner sagte, „sehr professionell“ abliefen, und in den vergangenen zwei Tagen wurde der Zwei-Jahres-Vertrag fertig gemacht. Klinsmann sagte, er habe sich nach dem Anruf von Karl-Heinz Rummenigge kurz vor Weihnachten emotional sofort für den FC Bayern entschieden, und das gab der ganzen ohnehin schon überraschenden Sache noch eine zusätzliche Note.

Seit beim FC Bayern feststeht, dass Ottmar Hitzfeld nicht weitermacht, seit dem 17. Dezember also, wurden in zahlreichen Spekulationen ebenso zahlreiche Kandidaten genannt, Jose Mourinho war dabei, Marco van Basten und sogar Volker Finke – Klinsmann aber wurde nie ernsthaft in Erwägung gezogen. Schließlich war Klinsmanns Engagement als Stürmer in München geprägt von Missverständnissen und schlechter Laune, er schied damals im Groll (siehe Artikel unten). Und auch als Klinsmann Bundestrainer wurde, taten sich die Bayern in Person von Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß nicht gerade als Klinsmann-Fans hervor. Nun aber behaupteten Beide, nie jemand anderen als Klinsmann für die Hitzfeld-Nachfolge gewollt zu haben, „weil wir einen Querdenker und starken Trainer brauchen, der seine eigene Meinung vertritt“, wie Hoeneß findet, „denn wir sind ja alle Alphatiere hier oben“. Mit Klinsmann haben sie, so viel steht fest, ein weiteres Alphatier hinzubekommen.

„Ich traue mir die Aufgabe ohne Weiteres zu“, sagte Klinsmann dann. Um das zu schaffen, wird er in den kommenden Monaten einen Trainer- und Betreuerstab ähnlich dem bei der Nationalmannschaft aufbauen – aus wie vielen und welchen Personen der bestehen wird, wollte Klinsmann gestern noch nicht sagen, auch nicht, ob aus dem aktuellen Stab jemand dafür in Frage kommt: „Ich habe Kandidaten im Kopf, es sind Leute aus den USA dabei, aber auch aus anderen Ländern.“ Entscheidend wird vor allem die Position des Assistenten sein – schließlich wäre ein Sommermärchen ohne Joachim Löw nicht möglich gewesen.

Diesen Samstag nun wird Klinsmann noch das Testspiel der Bayern gegen die Olympiaauswahl Chinas in der Münchner Arena besuchen, danach wird er wieder zurückfliegen nach Kalifornien. Im Sommer aber wird er wiederkommen, und er wird bleiben: Zusammen mit seiner Familie („Meine Frau hat spontan ja gesagt“) wird er nach München ziehen. Er wird von da an im täglichen Rampenlicht stehen – ob das gut geht, ist im Moment schwer zu sagen. „Aber Jürgen traut sich das zu“, sagte Franz Beckenbauer, „und das ist doch die Hauptsache.“

Der Alpha-Schwabe: Seite 3

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