Experten-Kolumne : Fredi Bobic: Geheime Favoriten ohne Geheimnis

Bei dieser EM gibt es kein zweites Griechenland, keinen überraschenden Europameister, da ist sich Fredi Bobic sicher. Der Ex-Profi schreibt an dieser Stelle im Wechsel mit Marcel Reif, Nadine Angerer, Lars Ricken und Mirko Slomka.

Bobic
Der Stürmer. Fredi Bobic schoss 108 Tore in 285 Bundesligaspielen und greift heute für Hertha BSC an - für die Senioren.Foto: ddp

Nun also ist Russland auch ein Geheimfavorit. Logisch, nach so einem eindrucksvollen 2:0-Sieg gegen die Schweden. Das war ja noch schmeichelhaft für die Schweden. Warum sollten die Russen nun nicht auch Holland im Viertelfinale schlagen? Die Russen haben ja im Gegensatz zum Gegner keinen Druck – eine typische Eigenschaft eines Geheimfavoriten. Möglich, dass manchmal zu inflationär mit dem Begriff herumhantiert wird. Ein sehr gutes Turnierspiel und du bist Geheimfavorit. So war es jetzt bei den Russen, so war es bei den Türken. Aber trotzdem hat der Begriff seine Berechtigung: Ein Geheimfavorit hat keinen Druck, hat nach Überstehen der Gruppenphase alles erreicht und alles, was dann für ihn kommt, ist Bonus. Es ist schwierig für die etablierten Mannschaften, gegen solche Gegner zu spielen. Die Etablierten haben mehr zu verlieren. Das haben die Griechen vor vier Jahren ausgenutzt, so sind sie schließlich Europameister geworden. Allerdings muss seitdem wohl der Begriff vom Geheimfavoriten neu definiert werden: Vor diesem Turnier haben mir nicht wenige gesagt, für sie sei Rumänien ein Geheimfavorit in der schweren Gruppe mit Holland, Italien und Frankreich. Von wegen Geheimfavorit – für die Rumänen wurde dieses fast schon selbst auferlegte Prädikat zur Bürde, sie haben sich zu wenig auf sich selbst konzentriert, zu viel Gedanken gemacht. Sie waren ein Geheimfavorit ohne Geheimnis.

Ich glaube auch, dass viele nach dem Beispiel Griechenland gewarnt sind. Ohne den Russen und Türken zu nahe treten zu wollen: Diesmal gewinnt kein Geheimfavorit das Turnier. Ich bin der Überzeugung, dass eine Mannschaft gewinnt, die einen tiefen Kader hat. Zum Beispiel die Italiener. Die lassen sich nämlich nicht so schnell aus der Ruhe bringen – auch von keinem Geheimfavoriten.

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