Experten-Kolumne : Marcel Reif: Jetzt bloß nicht jammern

Unser EM-Experte Marcel Reif sieht Deutschland auf einem guten Weg.

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Der Fernsehreporter. Marcel Reif kommentiert für uns die Bundesliga.Foto: Premiere

Es ist doch alles gut. Es war auch fast alles gut, und es hat einen versöhnlichen Abschluss gefunden. Es wurde nicht die glücklichste Mannschaft Europameister, nicht die kämpferischste, nicht die taktischste, sondern einfach nur die beste Mannschaft. Die, die kein Spiel des Turniers verloren hat, die den schönsten Fußball gezeigt hat, mit größtmöglicher Leidenschaft und viel Herz und Seele. Sie sollten ihrem Luis Aragonés ein Denkmal setzen, die Spanier, weil er, zumindest fürs Erste, Spanien geeint hat. All das, was Spanien stets gehindert hat, auch im Nationaldress eine große Fußballnation zu sein, hat Aragonés getilgt. Es hat in diesem Turnier keine Delegation des FC Barcelona gegeben, keine, die Real Madrid vertrat, sondern nur ein einig Team von Liebhabern des schönen Spiels. Das zu bewerkstelligen ist nicht weniger als eine Großtat. Dass Aragonés dabei ein Mensch ist, der mit  knurrig nahezu liebevoll charakterisiert ist, ja nun, das wird ihm verziehen werden. Und nebenbei hat der 69-Jährige Herr auch noch bewiesen, dass es keine alten Trainer oder junge gibt, sondern nur gute und weniger gute. Dem Kollegen Rehhagel hat er damit unter die Nase gerieben, dass man im Alter durchaus noch Vertrauen auf die Jugend und Spaß am Fortschritt haben kann. Modern ist, wenn man gewinnt, hatte Griechenlands Zuchtmeister im Verlauf des Turniers zum Besten gegeben. Genau! Und deswegen ist seine Mannschaft auch hochkantig rausgeflogen. Und deswegen ist auch der Irrtum des Fußballgottes, der die Griechen vor vier Jahren zum Europameister machte, korrigiert. Diesmal bleibt kein schaler Geschmack zurück, keine schlechte Erinnerung, diesmal haben nicht die anderen Mannschaften verloren, sondern die beste gewonnen.

Auch im Finale. Die deutsche Mannschaft hat das Spiel am Sonntag nicht verloren, die Spanier haben sie besiegt, und dass es ihnen nicht deutlicher gelang, hat etwas mit der Willenskraft der deutschen Mannschaft zu tun. Wir sollten jetzt nicht klagen, dass Silva hätte die Rote Karte sehen müssen nach seinem Kopfstoß gegen Podolski, der lustige Poldi hat seine Stirn schon auch bewegt, aber spielentscheidend wäre eine andere Schiedsrichterentscheidung gewiss nicht gewesen. Die deutsche Mannschaft hat ein durchwachsenes Turnier gespielt mit einem großartigen Erfolg. Sehr untypisch im Übrigen hat sie das erreicht, nicht typisch deutsch mit einem rumpeligen Anfang und dann stetiger Steigerung. Derartige Schwankungen, wie sie uns Jogi Löws Mannen erleiden und erfreuen ließen, hat wohl noch keine deutsche Mannschaft in einem großen Turnier vorgeführt.

Und was hat die EM uns gezeigt über unseren Nationalmannschafts-Fußball? Er ist auf einem sehr guten Weg, er ist noch nicht angekommen auf dem Gipfel, er ist vielleicht auf halber Strecke. Wir haben einen Weltklassespieler, Michael Ballack, und die Mannschaft muss man mir auf diesem Niveau erst einmal zeigen, die das so einfach wegsteckt, wenn ihr bester Mann nicht fit ist. Wir haben Philipp Lahm, der in der Offensive ebenfalls Weltklasse ist, aber eben noch keine Bank in der Defensive, wie beim Gegentor zu sehen war. Ansonsten: Der europäische Fußball ist eine schneller Fußball, temporeich, wie es dieses Spiel noch nie war. Und damit dieses Tempo auch Ertrag bringt, bedarf es exzellenter Technik, muss der Ball dem Willen der Spieler gehorchen. Das haben die Holländer demonstriert, die Russen, am konsequentesten und konstantesten die Spanier. Da sind wir noch nicht, da ist beim Sturm auf den Gipfel, um im Bild zu bleiben, noch viel Betrieb in der Wand. Das Ziel aber ist erkannt, und das ist schon eine Menge. Es sollte sich jetzt nur noch in den Vereinen rumsprechen, was das Gebot des erfolgreichen Spiels von heute ist. Das wird das Manko bleiben, dass auf diesem Level nur der FC Bayern München spielen kann, allerdings nicht in deutscher Nationalmannschaftsbesetzung. Aber bitte heute kein Jammern, sondern nur Freude über ein gelungenes, ja, formidables Turnier, mit einer am Ende in allen Belangen gerechten Niederlage und einem wunderschönen Schluss.

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