EXPERTENMEINUNG : „Erwachsene können zwar noch lernen, sind aber unbelehrbar“

Herr Siebert, Fußballtrainer wollen ihre Spieler zunehmend auch menschlich formen. Sind erwachsene Menschen überhaupt noch zu erziehen?

Kurz gesagt: Nein. Erwachsene können zwar noch lernen, sind aber unbelehrbar. Man kann ihnen also Wissen vermitteln und Ratschläge geben, aber erziehen lassen sich erwachsene Menschen nicht mehr.

Bis zu welchem Alter ist das möglich?

Schwer zu sagen. Bestimmte Denk- und Emotions-Strukturen sind bereits ab dem jugendlichen Alter festgelegt. In welchem genau, ist aber abhängig vom kulturellen und sozialen Background. Je höher die Schulbildung, desto weniger ist jemand bereit, sich etwas sagen zu lassen.

Der Versuch von Hertha BSC, den Spielern Respekt und Pünktlichkeit beizubringen, ist also vergeblich?

Es wird zumindest schwer, wenn ich Erziehung – in Abgrenzung zur Wissensvermittlung – begreife als Beeinflussung von Werten und Lebensstilen. Es ist ein Definitionsmerkmal von Erwachsenen, dass sie ein fertig ausgeprägtes Verhaltenssystem besitzen. Das schließt natürlich nicht aus, dass man sich im höheren Alter noch verändert. Aber das geschieht in der Regel nicht durch Appelle oder erzieherische Maßnahmen.

Sondern?

Der Wille muss da sein. Jede Pädagogik, die auf Forderungen wie „Du sollst nicht“ oder „Du darfst nicht“ beruht, bewirkt bei Erwachsenen das Gegenteil. Wenn aber der Erwachsene selbst das Gefühl hat, dass eine Änderung sinnvoll und erfolgversprechend ist, dann können äußere Einflüsse unterstützend wirken.

Wie sinnvoll ist es also, Oliver Kahn eine Geldstrafe aufzubrummen, weil er die Weihnachtsfeier des FC Bayern frühzeitig verlässt?

Pädagogisch gesehen ist das Quatsch. So kann man eine Veränderung zwar erzwingen, und beim nächsten Mal bleibt er vielleicht auch länger, um die Strafe zu vermeiden, aber Überzeugungen ändert man so nicht.

Die Fragen stellte Moritz Honert.

Horst Siebert, 69, ist Bildungswissenschaftler und Emeritus für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung an der Leibniz-Universität Hannover.

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