Sport : Extrem halbstark

Mario Balotelli schießt Italien gegen Deutschland mit zwei Toren ins EM-Finale. In seinem Jubel schwankt der skandalumwitterte Stürmer zwischen allen Extremen. Aber dahinter steckt eine Botschaft.

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Mario Gomez, 26, startete mit drei Toren in zwei Spielen Foto: dapd
Mario Gomez, 26, startete mit drei Toren in zwei SpielenFoto: dapd

Zwei Bilder genügen, um alle Extreme zu erfassen. Die geballten Fäuste, die gespannten Muskeln, dieser Blick voller Wut, Stolz, Verachtung. Und dann: die Umarmung, Wange an Wange, Tränen fließen, das Gesicht demütig an die weinende Mutter geschmiegt, ein Lächeln.

Wer Mario Balotelli sucht, der muss sich irgendwo dazwischen bewegen, so wie der Stürmer zwischen Verteidigungslinien. Der 21-Jährige ist ein Mann der Widersprüche: Genie und Wahnsinniger, Könner und Kindskopf, Verstoßener und Geliebter, Italiener und Ghanaer, Tor und Torschütze, und das zweifach, gegen Deutschland. Nach dem zweiten Treffer riss er sich das blaue Trikot vom Leib und erstarrte in archaischer Pose. Ein stolzer Krieger wollte er sein. Die drei Wärmepflaster auf seinem Rücken wirkten, als hätte ein Urzeitbiest seine Krallen nach ihm ausgefahren, aber ihn nicht bekommen, wie die deutschen Verteidiger.

Unerträglich muss die Arroganz dieser Geste den Deutschen vorgekommen sein. Aber nicht nur ihnen. Darauf angesprochen, dass die Mitspieler ihm diese Art Jubel verübelten, sagte er: „Sie sind nur eifersüchtig auf meine Muskeln.“

Man muss verstehen, dass Mario Balotelli nach Treffern eigentlich nicht jubelt. „Tore sind mein Job – jubelt denn ein Postbote, wenn er einen Brief einschmeißt?“, hat er einmal rhetorisch gefragt. Wenn er sich doch zu einer Pose hinreißen lässt, dann transportiert er stets eine Botschaft, wie der Briefträger. Nach seinem ersten Turniertreffer – einem traumhaften Seitfallzieher gegen Irland – fing der nur Eingewechselte an, Richtung Trainerbank zu schimpfen. Ein Mitspieler musste ihm den Mund zuhalten. Bei seinem Klub Manchester City häuften sich vor Monaten die Berichte über seine vielen Skandale, die zerschrotteten Autos, die abgefackelte Villa, das minutenlange Verheddern im eigenen Trikot, der lustlose Hackentrick vor dem Tor – da entblößte er nach einem Treffer ein T-Shirt. Darauf stand: „Warum immer ich?“ Und nun die Protzpose gegen Deutschland. Die Botschaft ist immer die gleiche: Seht mich an, das bin ich, ihr kommt nicht an mir vorbei, ihr könnt mich nicht ändern.

Und ihn ändern, das wollten weiß Gott schon einige. Roberto Mancini etwa, sein Trainer in Manchester und zuvor bei Inter Mailand, sagte stets: „Er kann einer der besten Spieler der Welt sein, wenn er nur will.“ Irgendwann sagte er nur noch: „Ich rede nicht jeden Tag mit ihm, sonst bräuchte ich einen Psychiater.“

Eine der wenige Personen, die Mario Balotelli stets so akzeptiert hat, wie er ist, bekam nach dem Spiel seine ganze Liebe ab. „Das schönste war, meine Mutter zu umarmen“, sagte er danach Reportern, „ich widme ihr meine Tore. Aber jetzt muss ich noch ein viertes Tor machen, denn zum Finale kommt Papa.“

Silvia und Franco Balotelli sind nicht wirklich Marios Eltern, aber sie haben ihn wie einen eigenen Sohn großgezogen. Die leiblichen Eltern waren Thomas und Rose Barwuah, Einwanderer aus Ghana. Sie ließen ihren Sohn in einem Krankenhaus zurück, nicht aus Armut, sondern weil sie das kränkliche Baby nicht entsprechend betreuen konnten. Ein Jugendrichter sprach den Zweijährigen schließlich Pflegeeltern in der Nähe von Brescia zu. Vergeben hat das Mario Balotelli seinen biologischen Eltern nie ganz; auch wenn er sich seinen Geburtsnamen Barwuah vor der EM auf das Trikot drucken lassen wollte und engen Kontakt zu seinen leiblichen Geschwistern pflegt. Sein Bruder etwa war auch in Warschau.

Dass es dunkelhäutige Menschen in Italien nicht immer einfach haben, musste Balotelli früh feststellen. Rassistische Anfeindungen führten zu Trotzreaktionen zwischen Narzissmus und Wutausbrüchen. Ein „missverstandenes Genie“ sei er, „intelligenter als andere Menschen“, sagte er in einem Interview vor der EM. Und: „Wenn mich jemand auf der Straße mit Bananen bewirft, bringe ich ihn um.“

So weiß man bei Balotelli nie, was einen erwartet. Im Training trottet er oft nur hinterher, spielt kichernd mit Trinkflaschen und Eckfahnen als Phallussymbol. Beim Auftaktspiel gegen Spanien vergab er eine Großchance, weil er lässig mit Ball in den Strafraum schlenderte. Aber da ist noch der andere Balotelli. Der, der immer genau dann loslief, als die deutschen Verteidiger nicht mit ihm rechneten. Der Außenverteidiger Jerome Boateng geschickt an Vorstößen hinderte. Der Balotelli, der diesmal vor Ehrgeiz brannte und trotz Krämpfen nicht ausgewechselt werden wollte. Und bei aller Poserei nur eins will: akzeptiert werden, in allen Extremen. Den Gefallen scheint ihm Italien mittlerweile zu tun. „Balotelli ist so, wie er ist: unberechenbar, naiv, stark“, schrieb die Zeitung „Il Corriere“, eben „ein Italiener des 21. Jahrhunderts.“

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