Extremer Olympiastar : Michael Phelps: Zwischen Arroganz und Lockerheit

Drei Medaillen braucht Schwimmer Michael Phelps noch, dann ist er Olympia-Rekordhalter. Am Samstag startet er in seinem ersten Rennen über 400 Meter Lagen.

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Michael Phelps will bei seinen letzten Spielen zum Star für die Ewigkeit werden.
Michael Phelps will bei seinen letzten Spielen zum Star für die Ewigkeit werden.Foto: dpa

Michael Phelps schlurfte zu seinem Platz, es dauerte. Das Podium im größten Saal des Pressezentrums ist enorm lang. Als er dann vor seinem Mikrofon stand, fingerte Phelps eine kleine, weiße Kamera aus der Tasche und richtete sie in den Saal. Wenn er durch den Sucher den ganzen Raum überblicken konnte, dann sah er eine Menge von Fernsehkameras und rund 150 Journalisten, die ihn anstarrten. „Sonst macht ihr immer Fotos von mir, jetzt mache ich mal eines von euch“, sagte der 27-Jährige. Phelps hat eine tiefe Stimme. Wenn er mies drauf ist, klingt sie wie das gefährliche Brummen eines Bären. Jetzt hatte sie einen lockeren Beiklang. Die Zuhörer lachten.

Sie wussten ja nicht sicher, wer ihnen entgegen treten würde. Phelps, der immer noch demonstriert, dass er der gelangweilte Superstar ist, den solche PR-Termine langweilen, auch wenn er diese Langweile längst nicht mehr so zelebriert wie früher. Der Mann, der signalisiert, dass er 14-maliger Olympiasieger ist und in London als erster Schwimmer der Welt zum dritten Mal in Folge Olympiasieger auf der gleichen Strecke werden kann. Der Mann, der zwar nicht mehr wie ein Halbgott erscheint, aber trotzdem noch eine gewisse Arroganz ausstrahlt.

Oder ob da Michael Phelps auftritt, der nach langer Wettkampfpause zwar ein furioses Comeback gestartet hatte, dem man aber anmerkt, dass er in der Pause mit viel Spaß am Pokertisch saß und genussvoll bei Studentenpartys versumpfte. Kurz, dass seine Gedankenwelt nicht mehr von Beckenrändern begrenzt ist.

Es trat auf: Phelps, der Lockere.

Er lachte, gab sich nostalgisch und emotional, er war so unkompliziert, wie das keiner erwartet hatte. Es sind seine letzten Olympischen Spiele, nach London beendet er seine Karriere, er genießt seinen Abschied und bewegt sich zugleich auf einer sportlichen Mission. Zwei Rollen, die man erstmal beherrschen muss. Für sieben Strecken hat er gemeldet. Am Ende wird er mit großer Wahrscheinlichkeit der Mann sein, der so viele Olympiamedaillen wie nie jemand zuvor gewonnen hat. 16 besitzt er jetzt schon, bei 18 steht der Rekord der früheren russischen Turnerin Larissa Latynina. Weniger als drei Medaillen sammelt Phelps in London nur, wenn er serienweise Fehlstarts produziert.

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Die internationalen Olympia-Stars
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1 von 22Foto: Reuters
25.07.2012 17:44Sprinter Usain Bolt war in Peking 2008 der Superstar und wurde dreimal Olympiasieger. Und er inszenierte sich dabei als Showman....

Symbolträchtiger könnte seine Mission nicht beginnen. 400 Meter Lagen heute Abend, der Showdown mit Ryan Lochte. Phelps, der Olympiasieger von 2004 und 2008 gegen den Weltmeister von 2011, der Phelps im letzten Jahr mit fünf Titeln die Show gestohlen hatte. Stoff für die große Inszenierung. Das Denkmal und der Herausforderer, der Boulevard könnte den Zweikampf zum Giganten-Duell aufbauschen und die beiden zu erbitterten Feinden stilisieren. Aber Phelps weigert sich einfach, die Rolle des arroganten Megastars zu übernehmen. Lochte ist sein Kumpel. Es ist Phelps beste Entscheidung. Er hätte sonst nur verlieren können.

Nach seinen 14 Goldmedaillen rückten ihn Medien, Konkurrenten und Trainer in überirdische Sphären. Der Russe Alexander Sukhorukow verkündete lapidar: „Er ist ein ganz normaler Mensch, nur vielleicht von einem anderen Planeten.“ Andere redeten ähnlich, das meiste war als Anerkennung und Kompliment gemeint, aber irgendwann sprachen sie nicht mehr über einen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern über eine Kunstfigur.

Die Erwartungen an diese Figur hätte Phelps in London nie erfüllen können. Er ist vier Jahre älter, er braucht mehr Erholung, Gegner wie Lochte rücken nach. Erneut acht Goldmedaillen? Völlig illusorisch. Und wenn: Niemand hätte sich mit ihm gefreut. Ein programmierter Roboter weckt keine Emotionen. Höchstens Schadenfreude. Jeder hätte nach Niederlagen des Denkmals regelrecht gegiert.

Aber jetzt geht der Mensch vom Planeten Erde ins Wasser. Michael Phelps erlaubt, dass man mit ihm mitfiebern kann. Einer, den man fotografiert hat, wie er den Mund an einer Marihuana-Pfeife hatte, der am Strand von Miami Football spielt, 25 Pfund schwerer als bei Olympia in Peking, und sich von einem Unbekannten den Spruch anhören muss: „Boah, bist du fett“, der schwebt nicht mehr in anderen Sphären.

Aber auf den Phelps, der auf dem Podium hockte, auf den war kaum einer vorbereitet. Zum Beispiel, wenn er die Geschichte von den drei russischen Athletinnen erzählte. Die sah er im Olympischen Dorf, sie waren größer als er, und er ist doch schon 2,01 Meter groß. Dann zog Phelps den Kopf zwischen die Schultern, neigte ihn und blickte mit gespielter Überraschung zur Seite, als würde das Trio leibhaftig neben ihm stehen. Demonstrativ eingeschüchtert sagte er: „Da dachte ich: Um Himmels Willen.“ In diesem Moment hörte sich der 14-malige Olympiasieger, nach dem sich im Dorf vermutlich Dutzende Athleten umdrehen, an wie ein kleines Mädchen, das auf einem Bauernhof überrascht feststellt, wie groß Pferde sind.

Eigentlich transportierte jeder dritte Satz von ihm die Botschaft, dass da einer wehmütig Abschied nimmt. „Ich erlebe hier vieles zum ersten und zum letzten Mal.“ Oder: „Ich habe hier viele emotionale Momente.“ Einmal erinnert er sogar an einen Rentner, der sich in Kürze mit einer Tabakspfeife behaglich in seinen Lehnstuhl hockt und über die Welt nachdenkt. „Wenn ich in den Ruhestand trete, werde ich über vieles reflektieren“, teilte Phelps der Welt mit.

Phelps, das nette Auslaufmodell? Es wäre ein groteskes Bild. Die Rolle des lockeren Typen ist ja nur ein Teil seiner Aufführung. Er ist immer noch der extrem ehrgeizige Athlet, der sich quält für die ganz großen Triumphe. Er macht es jetzt nur nicht mehr unter diesem extremen selbst- und fremderzeugten Druck.

In sein Appartement hat er sich eine Unterdruckkammer bauen lassen. In die zieht sich der 27-Jährige abends nach dem Zähneputzen zurück. Die Luft in der Kammer ist so dünn, als würde Phelps unterm freien Himmel irgendwo in den Anden nächtigen. Damit will Phelps den Sauerstoffgehalt in seinem Blut erhöhen. Wer Phelps' Ehrgeiz unterschätzt, wird sich sehr schnell wundern.

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