Sport : Ey, play Berlin, Alter!

Ein Selbsterfahrungskursin 17 LektionenVon Christi

Marcelinho könnte sich also vorstellen, bei den Bayern zu spielen. Hat er gesagt. Erst der „Bunten“, später allen: Für Bayern spielen, das sei „ein Traum“ und: „Wer will das nicht?“ Die Hertha-Fans, zum Beispiel. Die wollen das nicht. Die würden nie für Bayern spielen. Vor allem aber wollen sie keine Hertha-Spieler, die das wollen. Marcelinho kann kein Hertha-Fan sein.

Durch Spieler-Äußerungen dieser Art wird unser Fan-Sein auf perfide Weise ad absurdum geführt, weil sich der echte Anhänger fragen muss: Bin ich im Stadion so eine Art Depp? Wen feuer’ ich da bis zur Heiserkeit an? Die Spieler können sich kaum angesprochen fühlen, wenn ich „HER-THA“ schreie – die sind ja Bayern-Fans. Selbst der in Interviews so wahnsinnig konzentrierte Arne Friedrich sagte ausgerechnet in der schwierigen Abstiegskampf-Saison, er wolle in seiner Karriere auf jeden Fall für Bayern spielen. Joe Simunic hat vor einem Jahr in einem Online-Fragebogen die Frage nach seinem Lieblings-Fußballverein mit „Inter Mailand“ beantwortet. „Ey, play Berlin, Alter!“, hallt es empört aus Weddinger Currywurstbuden.

Natürlich sind die Spieler eine sich ständig erneuernde Masse. Weiß jeder. Keiner von denen schläft in Herthinho-Bettwäsche. Schlimm genug. Aber können die nicht wenigstens so tun als ob? Kleine Podolski-Geschichten erfinden wie: „Schon immer in der Fankurve gestanden.“ Oder: „Schon in Brasilien mit der Familie Frank Zander gesungen.“ Oder schlicht die Klappe halten. Es ist doch nicht zu viel verlangt, dem Fan seine Illusionen zu lassen. Wenn ich einen Film mit Alexandra Maria Lara drehe, wende ich mich auch nicht in der Liebesszene zur Kamera und sage dem Zuschauer: „Eigentlich würd’ ich jetzt lieber die Alexandra Neldel knallen!“

Wo ist die Mentalität eines Uwe Seeler, der internationale Angebote ausgeschlagen hat, um beim HSV zu bleiben? Nicht in Sicht. Stattdessen wird uns Fans die Tragik unserer Existenz vor Augen geführt: Wir sind zum Bejubeln von Söldnern verdammt. Euphorisch winken wir charakterlosen Ballmaschinen zu, die für Geld SOGAR den Rückpass auf Kahn in Kauf nähmen.

Doch wenn’s die Spieler nicht sind – was macht dann unseren Lieblingsklub zum Lieblingsklub? Das Vereinslogo? Die Stadt? Oder doch die Spieler? Alexander Madlung gibt immerhin an, sein Ziel sei die Start-Elf der Hertha. Thorben Marx sagt man nach, er habe früher aus Begeisterung vor dem Olympiastadion gezeltet. Hertha ist Malik Fathis Lieblingsverein. Sejad Salihovic geht noch weiter: „Hertha ist mein Leben!“ Geil! Geht doch! Fans wie wir!

Doch wer den Kurs „Hertha lieben lernen“ ob Marcelinhos verräterischer Worte abbrechen will, der soll sich mal die CD-Sammlung von Zecke Neuendorf angucken. Er verriet einst sein Lieblingslied. Es ist „Bayern“ von den „Toten Hosen“. Der Text geht so: „Wir würden nie zum FC Bayern München gehn – nie zu den Scheiß-Bayern gehn.“ Und weiter: „Was für Eltern muss man haben, um so verdorben zu sein, einen Vertrag zu unterschreiben, bei diesem Scheiß-Verein?“

Christian Ulmen, 30, ist Schauspieler und Hertha-Fan. Wenn Hertha BSC ein Heimspiel in der Bundesliga hat, erscheint seine Kolumne.

Ein Selbsterfahrungskurs

in 17 Lektionen

Von Christian Ulmen

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