Sport : Fabien Barthez, blaues Wunder

Ein Torwart, der nicht ins Tor gehört

Wolfram Eilenberger

Selbst nach zehn Jahren bleibt er ein Rätsel, dieser mittelgroße, nicht einmal kräftige Glatzkopf im Tor der Franzosen. Wie konnte er je Nationalspieler werden, der teuerste Torwart der Welt, ja im Jahre 2000 sogar offiziell der weltbeste? Salvador Dalí sagte von sich einst, „der einzige Unterschied zwischen einem Verrückten und mir ist, dass ich nicht verrückt bin“. In diesem Sinne ließe sich von Fabien Barthez sagen, der einzige Unterschied zwischen ihm und einem Fliegenfänger bestehe darin, dass Barthez kein Fliegenfänger ist.

Wenn er auf der Linie steht und sich warm hampelt, hat man jedenfalls zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, es bewache ein ausgebildeter Torwart den Kasten. Barthez wirkt vielmehr stets wie ein Feldspieler, der sich hastig die Handschuhe übergezogen hat, weil die Stammkraft verletzt und das Auswechselkontingent erschöpft ist. In diesem Eindruck dürfte sein eigentliches Erfolgsgeheimnis liegen. Höchst unkonventionell in seinen Bewegungen, fängt er den Ball gern mit einer Hand, lässt sich viel zu früh fallen, um den Ball dann doch noch zu erpanthern, holt einen scharfen Schuss auch mal mit dem Schienbeinschoner aus dem Eck.

Da Barthez immer am Rande des Lächerlichen tänzelt und so die Blicke auf sich zieht, wurde er mit seinem Clownsgesicht bald zum Sponsorenliebling. In Top-Model-Kreisen verkehrend, ließ er sich als Popidol etablieren. Natürlich ist Barthez kein Klassetorwart, weshalb es jede Menge Bälle gibt, die ihn überfordern. Unbestrittene Weltspitze ist er nur im Spiel mit dem Fuß. Er ist der Torwart, der am meisten von der Reform der Rückpassregel profitiert hat – und sein Karriereaufstieg fiel tatsächlich mit der Regelmodifikation im Jahre 1992 zusammen.

Jetzt, mit bald 33 Jahren, steht Barthez vor dem Ende seiner wundersamen Karriere. Bei seinem jüngsten Auftritt im Uefa-Cup-Finale, in dem er einen Elfmeter verursachte und des Feldes verwiesen wurde, war er der ungut entscheidende Mann seines Teams. Diese Möglichkeit schwingt immer mit, wenn er auf dem Platz steht. Und so ist Barthez das unbestreitbar schwächste Glied in einer französischen Mannschaft, die allenfalls am Überfluss ihrer Möglichkeiten scheitern wird.

Bis zur Fußball-EM stellen wir aus jeder Mannschaft einen Spieler vor, dem wir eine entscheidende Rolle zutrauen. Morgen: Demis Nikolaidis, Griechenland.

0 Kommentare

Neuester Kommentar