Sport : Fader Familientag

Venus schlägt Serena Williams in einem vorhersehbaren Wimbledon-Finale

Petra Philippsen[London]

Richard Williams hatte es vorgezogen, nach Hause zu fliegen. Als seine Tochter Venus nach dem Zwei-Satz-Sieg gegen Schwester Serena am Samstag auf dem Centre Court des All England Lawn Tennis Club zum vierten Mal den Gewinn des wichtigsten Titels im Tennis feierte, hielt sich das Familienoberhaupt im entfernten Florida auf. Ob er sich das Spiel zumindest im Fernsehen angeschaut hatte, wussten die Williams-Schwestern gestern beide nicht. Es war nicht anzunehmen, denn schon bei ihrem letzten Final-Duell in Wimbledon 2003 fehlte Richard Williams auf der Tribüne. Später erklärte er, er habe auf der Anlage jemanden kennen- gelernt und ihn spontan auf eine Beerdigung begleitet. Die Aufregung sei zu viel für den Vater, erklärte Venus: „Er hat mir gesagt, er habe seinen Job als Coach gemacht und jeder von uns Ratschläge mitgegeben.“ Möglich, dass er auch den Vorwürfen aus dem Weg gehen wollte, die sich seit gut einem Jahrzehnt hartnäckig halten und immer wieder neu aufleben, wenn sich die beiden Schwestern in einem Endspiel gegenüberstehen: Wer siegt, sei abgesprochene Sache.

Und so stand auch der 7:5 und 6:4-Erfolg von Venus Williams unter dem Eindruck jener Anschuldigungen, die Siegerin sei familienintern im Vorfeld beschlossen worden. Beweise für eine mögliche Absprache gibt es freilich nicht, dennoch scheute sich die Russin Jelena Dementjewa nach ihrer Halbfinalniederlage nicht, ihren Verdacht offen zu äußern. Sie tat es vor sieben Jahren schon einmal, als sie sagte: „Ich glaube, Richard Williams entscheidet, wer gewinnt.“ Ob er es wirklich getan hatte, ist reine Spekulation, dennoch blieb beim dritten finalen Duell der Schwestern in Wimbledon aus anderen Gründen ein fader Beigeschmack hängen. Denn einen wirklichen Kampf, bei dem die Kontrahentinnen für den Sieg bis an ihre Grenzen gehen, boten die beiden Schwestern auch in ihrem 16. Aufeinandertreffen nicht wirklich. Sie konnten es nicht, dafür stehen sie sich viel zu nah, dafür schmerzt es sie zu sehr, die andere leiden zu sehen. Schon beim Gang auf den Court wirkten Venus und Serena so angespannt und verhärmt, als stünde der Besuch beim Zahnarzt bevor.

Sie wollten beide den Titel, daran bestand kein Zweifel, denn dafür sind die beiden US-Amerikanerinnen ehrgeizig genug. Der Glaube an sich und das uneingeschränkte Vertrauen, sie seien die Besten, hatte ihr Vater ihnen in frühester Kindheit bereits eingeimpft. Damals hatte er ihnen noch verboten, gegeneinander zu spielen, sie durften es erst, als sie Profis waren. Nun mussten sie es, und gestern zogen beide ihr ähnlich kraftvolles Spiel mit wuchtigen Grundschlägen und für Frauentennis vergleichsweise überharten Aufschlägen von Beginn an durch. Keine von beiden wagte es jedoch, sich wie gewohnt über einen Punktgewinn zu freuen, so dass der Funke bei den Zuschauern nur langsam überspringen wollte. Serena Williams hatte mit dem frühen Break geführt, sie schien die Partie dominieren zu können, doch ihre um ein Jahr ältere Schwester spielte aggressiver und sicherte sich schließlich den ersten Durchgang.

Serena Williams ließ sich zunehmend verunsichern, auch einen Vorteil im zweiten Satz vermochte sie nicht zu halten. Oftmals erahnte eine der Schwestern, welchen Schlag die andere plante, das verwunderte nicht, denn mit Ausnahme von männlichen Sparringspartnern trainieren sie nur miteinander, niemals mit Konkurrentinnen. Venus schien ihren fünften Titel in Wimbledon ein wenig mehr zu wollen, und so war sie es, die am Ende die Schale in die Höhe strecken durfte. „Sie war ein bisschen besser als ich. Aber es ist ein toller Tag für die Familie“, sagte die Unterlegene. In beiden Duellen zuvor war sie noch die Siegerin geblieben, nun musste sie ihrer Schwester zur Titelverteidigung gratulieren. Auch die fand tröstenden Worte: „Serena hat toll gespielt. Es ist so schwer, sie zu schlagen.“ Gestern Abend siegten dann beide Seite an Seite im Finale der Doppelkonkurrenz 6:2, 6:2 gegen Lisa Raymond (USA) und Samantha Stosur (Australien). Wenigstens da dürfte Vater Richard zugeschaut haben.

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