Sport : „Fahr Jan, fahr“

Ullrich ist bei den Franzosen beliebter als Armstrong

Rainer Guareschil

Die südfranzösische Mittagssonne hatte den Pyrenäenort St. Girons auf fast 40 Grad aufgekocht. Keiner, der nicht musste, ging da auf die Straße. Lieber versteckte man sich hinter Jalousien und unter dem Ventilator und wartete den Abend ab. Nur ein paar Gendarme waren am Sonnabend unterwegs, und Arbeiter, die langsam Absperrgitter aufstellten: Am Sonntag startete in St. Girons die 14. Etappe.

Nur in der Bar Glacier am Square Balague, im Zentrum von St. Girons, ist am Sonnabend Betrieb. Die grünen Markisen, die ihren Schatten auf den Bürgersteig vor der Bar werfen, weisen darauf hin, dass man hier auf Pferderennen wetten kann, aber heute interessiert sich kaum jemand für die Traber, die über einen Bildschirm im hinteren Teil des Schankraumes laufen. Die Männer, die dicht gedrängt an der Theke stehen und an ihrem Pastis schlürfen, und die Pärchen, die an den Tischen ein Eis essen, starren gebannt auf den Bildschirm, der über dem Eingang hängt. Dort läuft die erste Pyrenäenetappe der Tour.

Noch hat Armstrong das Gelbe Trikot, doch Jan Ullrich ist im Zeitfahren bis auf 34 Sekunden an den Amerikaner heran gestürmt. Den Oberkellner Jean-Pierre, der seine langen Locken zu einem Zopf gebunden hat, juckt das nicht. Er ruft immer wieder den Namen Iban Mayo in den Raum, ohne an einen bestimmten Adressaten zu denken. Bis Mayos Attacke scheitert. Dann ist plötzlich Alexander Winokurow sein Liebling. Jean-Pierre gefällt sich dabei, andere als die beiden großen Favoriten zu mögen.

Sein Chef Phillippe Faur, der Besitzer des Cafés, ist hingegen kein besonders großer Radsport-Fan. Viel lieber mag er Rugby, und er freut sich schon auf die Weltmeisterschaft im Oktober in Australien, wenn sich bis nachts um drei die Fans um seine Theke scharen, um die Spiele der französischen Nationalmannschaft zu sehen. Dann, schwärmt Phillippe, sei hier richtig was los. Aber wenn schon Radsport, so Phillippe, dann bitte abwechslungsreich und unterhaltsam. „Deshalb mag ich Jan Ullrich, weil der Deutsche dieses Jahr das Rennen interessant macht.“ Armstrong würde ja nichts unternehmen.

Immer nur abwarten und sich aufs Zeitfahren verlassen. Nein, seine Sache sei die Fahrt des Amerikaners nicht. Etwas verschüchtert an die Wand gedrängt, sitzt ein sehr junges Pärchen und schaut gebannt auf den Bildschirm, wo jetzt zu beobachten ist, wie die Spitzengruppe in den Schlussanstieg nach Ax-Les Thermes geht. „Hey, hey, hey“ bricht es lauthals aus den Café-Gästen heraus, als Ullrich Armstrong vier Kilometer vor dem Ziel davonfährt und: „Fahr Jan, fahr.“ Jean-Pierre ruft ein letztes Mal „Winokurow“ in den Raum, doch damit kommt er am Sonnabend noch einen Tag zu früh. Alle schauen auf Ullrich, der schließlich als Etappenzweiter ins Ziel stürmt und Armstrong geschlagen hat.

Vier Minuten später ist die Bar Glacier wie leer gefegt. Phillippe schaltet den Fernseher über der Tür aus. „Sonntag, wenn die Etappe in St. Girons startet, ist hier richtig was los“, sagt er, während er das Trinkgeld einsammelt und die Tische abwischt. „Und dann werden die meisten auch wieder für Ullrich sein.“

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