Faire Verlierer in Berlin : Gefeiert wird trotzdem - gern auch mit Spaniern

Nach dem frühen Gegentor wurden die deutschen Fans immer stiller – aber sie gönnten den starken Spaniern den Sieg. Hier einige Eindrücke aus der Nacht in Berlin. Bis auf einige Festnahmen blieben die Fans weitgehend friedlich. Auf dem Ku'damm feierten Deutsche und Spanier gemeinsam. Und heute geht die Party auf der Fanmeile weiter.

Spanier
Viele bangen, einer jubelt. Auch auf der Fanmeile am Brandenburger Tor wurde Spaniens starke Leistung fair anerkannt.Foto: dpa

Erst euphorischer Überschwang, Siegesgewissheit, dann Trübsinn, Trauer, aber auch faire Anerkennung, dass der Sieg der starken Spanier hochverdient war und den wenigen spanischen Fans in der Stadt der Triumph unbedingt zu gönnen war. Rund 5000 Spanier leben in Berlin. Nach dem Schlusspfiff feierten 4000 Deutsche und Spanier gemeinsam auf dem Kurfürstendamm - der traditionellen Feiermeile, die auch diesmal wieder von der Polizei für Autos gesperrt wurde, damit die Fans in Ruhe feiern konnten.. Auf der "offiziellen" Fanmeile am Brandenburger Tor zählte die Polizei beim Finale mehr als 500000 Zuschauer. Den Andrang bei anderen Public-Viewing-Ereignissen in der Stadt bezifferte die Polizei am Morgen auf rund 40000 Menschen. Allergrößtenteils blieb es friedlich. Gegen vereinzelte Flaschen- und Böllerwürfe auf Polizisten und andere Fans ging die Polizei schnell und rigoros vor "und bekam das dann schnell in den Griff", sagte ein Polizeisprecher am frühen Morgen. Es habe insgesamt 65 Festnahmen gegeben, drei Verletzte seien zu beklagen gewesen, allerdings niemand davon schwer. Das Resümee für die gesamte EM: "Wir sind sehr zufrieden mit dem Verhalten der Fans", sagte der Sprecher.

AUF DER FANMEILE
Am Ende wollten sie alle ganz schnell nach Hause, mit hängenden Schultern, leerem Blick, nicht ohne noch ein paar anerkennende Sprüche über die spanische Mannschaft losgelassen zu haben. Nur wenige Fans in Rotgelb hatte hier der schwarzrotgoldenen Übermacht getrotzt. Mutige spanische Mädchen wie Maria und Esperanza zum Beispiel, die um so lautstärker ihre Mannschaft anfeuerten, je düsterer die Stimmung um sie herum wurde. Für alle Fälle hatten sie sich unverdächtige T-Shirts druntergezogen, um sich beim Sieg Spaniens nicht möglichen Leidenschaften der Verlierer auszusetzen. Angesichts der unfreundlichen Blicke und Worte, die sie im Verlauf der ersten 45 Minuten geerntet hatten, schien ihnen die Vorsicht nicht ganz unberechtigt, auch wenn dann alles friedlich blieb. Um drohender Überfüllung vorzubeugen, hatten die Veranstalter offenbar auf das Prinzip Abschreckung gesetzt und schon kurz nach 17 Uhr verkündet, die Fanmeile sei geschlossen, was zu so früher Stunde schon wieder rund eine halbe Million umzäunter Fans bedeutet hätte. Wer sich von solchen Hiobsbotschaften nicht abschrecken ließ, kam aber selbst gegen 19 Uhr noch rein – und traf auf ein fast ausschließlich schwarzrotgoldenes Farbenmeer. Aber auch eine Handvoll stolze, aber stets freundliche Spanier war mit rot-gelben Fahnen gekommen. Um 19.30 Uhr erklärte die Polizei die Fanmeile für "komplett ausgelastet" und schloss die Zugänge. Rund 1700 Fans verfolgten das Finale daraufhin noch von außerhalb der Meile auf der Straße des 17. Juni.

IN DER SPANISCHEN BOTSCHAFT
Gut hundert Spanier hatten in der Botschaft ihres Landes an der Lichtensteinallee gebannt das Spiel verfolgt. Zum Schluss zählten sie die letzten Sekunden, sprangen auf, rannten zur Leinwand, umarmten sich, hüpften, tanzten, sangen „Olé, Olé, Olé!“ Schon nach dem Tor waren die Zuschauer kaum mehr zu halten gewesen, Rotwein und Sekt flossen in Strömen, die Frauen fächerten sich die Hitze aus dem Gesicht.

IN DEN KNEIPEN
Sie hatten so schön geübt, Menschenpyramiden, dreistöckig, Fangesänge wie „Uffta, uffta, täterää“, und sie hatten sich dicht um den einzigen Fernseher im „Saledor“-Imbiss gedrängt, im Bikinihaus an der Budapester Straße. Eine wilde, bier- und kornbeschwingte Stimmung beseelte dort die Fans, deutsche meist, unter die sich aber auch türkische und brasilianische Anhänger der Spanier gemischt hatten. So gab es beim Tor Spaniens Jubel und Entsetzen zugleich, eine nicht unproblematische Mischung, die sich denn auch bald in einer mittlere Keilerei entlud. Doch die Reaktionen mochten variieren, der Schock des Tores blieb doch überall in der Stadt derselbe, ob bei der Evangelischen Friedensgemeinde im Eichkamp, wo das familienreiche Publikum förmlich erstarrte, oder in der Eckkneipe „Lange Nacht“ in der Neuköllner Weisestraße, wo die Freudengesänge bald verstummten und man sich allenfalls noch durch „Lehmann, Lehmann“-Rufe aufzumuntern suchte. In der zweiten Halbzeit rafften sich die Schlachtenbummler in der Kneipe dann noch einmal auf, sangen die Siegeslieder der Verlierer, dass doch der Vizemeister viel besser sei als der erste Platz.

AUF DEM KURFÜRSTENDAMM
Während des Spiels wurden auch hier die Gesichter immer enttäuschter, die Anfeuerungsrufe jedoch immer lauter. Nach dem Abpfiff dann einen Moment betretene Stille, bevor die ersten Spanier mit „Olé, Olé!“ fahnenschwenkend über den für Autos gesperrten Ku’damm rannten. Schnell fingen sich die deutschen Fans und machten das Beste draus. „Menschenskinder, wir sind doch wenigstens die Zweiten“, rief einer am Kranzler - und hunderte schwenkten trotzig ihre Fahnen. Die Party war natürlich nicht so ausgelassen wie sonst, aber sie fand statt, mit Verbrüderung, Fahnegeschwenke und allem Drum und Dran. Am Ende waren es 4000 feiernde Fans auf dem Ku'damm. Langsamer als sonst begann sich auch ein Autokorso zu formieren. Merke: Auch Spanier können hupen, nicht nur Türken, Kroaten und Deutsche.

FANMEILE HEUTE
Heute geht die Party in die Verlängerung. Denn gegen 14.30 Uhr kommt dort das Team von Joachim Löw auf die Bühne, um sich bei den Fans für die Unterstützung zu bedanken. Ab 10 Uhr ist die Fanmeile geöffnet, dann beginnt bald das Programm, unter anderem mit den Gruppen „Die Fraktion“ und Stamping Feet sowie der Sängerin Kerstin Merlin. Den Auftritt der EM-Elf hatte Teammanager Oliver Bierhoff am Freitag angekündigt. Die Nationalmannschaft wolle sich wie bei der Weltmeisterschaft 2006 den Fans in Berlin zeigen, das sei ihr ausdrücklicher Wunsch gewesen. (CD/C.v.L./loy/mah/rni/tabu)

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