Sport : Fall Dieter Baumann: Es läuft ernüchternd

Dieter Baumann gibt weiter Rätsel auf. Am Freitagabend reiste der 5000-m-Läufer überraschend aus dem Trainingslager der deutschen Leichtathleten ab und flog erneut nach Sydney. Obwohl auch am heutigen dritten Tag der Verhandlung um sein olympisches Startrecht vor dem Arbitration Panel des Weltverbandes IAAF eine Anhörung des 35-jährigen Tübingers unwahrscheinlich ist, nahm Baumann bereits zum zweiten Mal binnen 48 Stunden eine strapaziöse Unterbrechung seiner Vorbereitungen in Kauf. Das Schiedsgericht hatte ihn zuvor als Verhandlungsbeteiligten ebenso abgelehnt wie am gestrigen zweiten Sitzungstag in Abwesenheit Baumanns die Anträge des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). So hat sich beim Sportler wie den Funktionären Ernüchterung breit gemacht. "Dies ist sicher kein gutes Zeichen", sagte Clemens Prokop, Vizepräsident Recht im DLV. Alle DLV-Vorstöße waren ohne Erfolg. Sie zielten unter anderem darauf ab, dass das Arbitration Panel für den Fall nicht zuständig ist. "Es ist etwas anders gelaufen, als ich mir das vorgestellt habe. Aber das ist ja oft so im Leben", sagte Dieter Baumann vor seinem Abflug aus Brisbane der dpa.

Die abermalige Vertagung einer Entscheidung des Arbitration Panels über seinen Olympia-Start hatte der ehemalige Europarekordler zuvor telefonisch von seinem Anwalt Michael Lehner erfahren. Er war am späten Donnerstagabend nach einem Tag vergeblichen Wartens in der Olympia-Stadt nach Nordwest-Australien geflogen. "Da wird ohne Recht und Gesetz nach Gutdünken entschieden", wetterte Jurist Lehner, der ebenfalls der Verhandlung vor dem Schiedsgericht fern blieb. "Alle Dinge, mit denen wir vor einen deutschen Gericht Recht bekommen hätten, wurden abgeschmettert." Wenn das Arbitration Panel jedoch nachgegeben hätte, wären die Regeln der IAAF "auf den Kopf gestellt und abgeschossen worden", schimpfte Lehner und prophezeite vollmundig bereits: "Die IAAF-Regeln werden den Fall Baumann nicht überleben."

DLV-Präsident Helmut Digel, der neben Prokop und dem Hamburger Sportrechtsexperten Georg Engelbrecht die Verbandsinteressen in dem zähen juristischen Streit vertritt, bezeichnete die Verhandlungen als "schwierig". Es sei nicht auszuschließen, dass der Prozess bis Sonntag andauern werde. "Wir haben deutsches Recht zu beachten, und die IAAF hat dies zu akzeptieren. Darum wird es bei der weiteren Verhandlung gehen", sagte Digel.

Mitstreiter Prokop bezeichnete es als "Bruch elementarer Grundrechte", dass Baumann nicht Teil des Verfahrens ist. "Dies ist ein Paradoxon", meinte er. Schließlich werde über Baumann geurteilt, ohne dass er Teil des Verfahrens sei, aber der DLV angeklagt. "Der Verband ist vom Verfolger in erster Instanz zum Verfolgten in zweiter geworden", resümierte Prokop. An diesem Samstag wird es mit der Beweisaufnahme weitergehen, wobei es auch hier um Grundsätzliches geht - wie das Verhältnis von nationalstaatlichem Recht und IAAF-Regeln.

Der DLV muss in Sydney rechtfertigen, warum sein Rechtsausschuss Baumann am 13. Juli vom Dopingverdacht freigesprochen hat. Der Athlet war im Herbst 1999 zwei Mal positiv auf das anabole Steroid Nandrolon getestet worden. Er hat stets bestritten, verbotene Substanzen genommen zu haben und behauptet, Opfer eines "kriminellen Aktes" geworden zu sein. Der Rechtsausschuss des DLV war nach Einsicht in die Ermittlungsakten der Tübinger Staatsanwaltschaft der Anschlagstheorie Baumanns gefolgt und hatte den Läufer deswegen freigesprochen. Das Urteil wurde danach von der Anti-Doping-Kommission der IAAF geprüft, die dem Council des Weltverbandes empfahl, den Fall durch das Schiedsgericht der IAAF prüfen zu lassen. Vor diesem Arbitration Panel sind Baumanns Karten keine guten, denn das Gremium hat in anderen Fällen zuletzt gegen die Athleten entschieden.

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