Sport : Fallende Helden

Dopingsündern wie Floyd Landis wird auch in den USA nicht mehr verziehen

Matthias B. Krause[New York]

Vor fünf Jahren hätte die amerikanische Sportwelt auf die Meldung, dass einer der ihren bei der Frankreich-Rundfahrt beim Dopen erwischt worden ist, noch ganz anders reagiert. Eine „Hexenjagd“ gegen ihren Helden hätten die Amerikaner den Franzosen unterstellt und sich mit großen Augen und zustimmendem Nicken die Erklärungen angehört, die Athleten in solchen Fällen produzieren. Dass einer wie der Baseballheld Mark McGwire, der 1998 für die St. Louis Cardinals 70 Homeruns schlug, bei der Einnahme von Muskelmachern erwischt wurde, ging in den USA noch als Randnotiz unter. Doch dann fiel die Sprintweltmeisterin Kelli White. Es explodierte der Skandal um das kalifornische Chemielabor Balco, und die Heroen aus Baseball, American Football und der Leichtathletik, die in den USA auf noch höhere Podeste gestellt werden als anderswo in der Welt, stürzten reihenweise wegen Dopings.

So gesehen hat sich Floyd Landis eine schlechte Zeit ausgesucht für seinen Feldzug gegen die Dopingjäger, mit dem er beweisen will, dass sein Sieg bei der diesjährigen Tour de France doch regulär zustande kam. Trotz widersprechender Dopingproben, trotz Isotopenanalyse, die belegt, dass sein erhöhter Testosteron-Wert durch von außen zugeführte Hormone verursacht wurde. Die Unschuldsvermutung mag noch in den Gerichten Amerikas gelten, doch die öffentliche Meinung hat ihr Urteil längst gesprochen, in den USA wie in Europa. Noch in guter Erinnerung sind die Bilder der ehemaligen Baseball-Stars, die im vergangenen Jahr im Kongress in Washington eine kabarettreife Vorstellung lieferten, als sie beweisen wollten, dass sie sauber seien. Dabei wusste doch längst jeder, dass sie bei einem schmutzigen Spiel mitmachten. Und dann das Tauziehen um den dopingverdächtigen Baseballspieler Barry Bonds und Sprint-Olympiasiegerin Marion Jones, die den Eindruck hinterließen, dass nur bessere Mittel und bessere Anwälte sie davor schützen, ebenso wie ihre Kollegen gesperrt zu werden.

„Wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir mit einigem Bedauern verstehen, dass fast jede Wohlfühl-Geschichte, jeder unwahrscheinliche Held und jede großartige Errungenschaft Subjekt einer genauen Prüfung und von Skepsis sein muss – bis die nächsten Testergebnisse vorliegen“, schreibt Kolumnist Greg Cote in „The Mercury News“ in San Jose. Landis wirke dabei wie ein Krimineller, der seine Unschuld beteuere, obwohl eine wasserfeste Analyse ihn überführt habe, fügt Dan Shaughnessy im „Boston Globe“ hinzu: „Vor fünf Jahren hätten wir ihm vielleicht seine Entschuldigungen und seine Beteuerungen der Unschuld abgekauft. Jetzt nicht mehr. Die Lügner und Betrüger haben uns mürbe gemacht. Wir lassen uns von ihnen nicht mehr hinters Licht führen.”

Der Sportsoziologe Peter Roby an der Northeastern University in Boston glaubt, dass der Fall von Floyd Landis keinen großen Einfluss auf die amerikanischen Sportfans gehabt hätte, wenn es sich nur um einen isolierten Skandal handelte. Doch die Häufung der Fälle habe nun zwei Effekte. „Die Fans ziehen jetzt alles in Zweifel, was sie auf dem Spielfeld sehen“, sagt Roby, „aber es besteht auch die Gefahr, dass sie einfach kapitulieren und es ihnen egal ist, wie die Ergebnisse zustande kommen. Wir riskieren, dass wir eine neue Generation von Athleten heranziehen, die glaubt, es sei in Ordnung, alles zu tun, was sie zum Sieg führt – illegale Substanzen eingeschlossen.“

Während das erst in den kommenden Jahren entschieden wird, will Landis seinen Kampf bereits nächste Woche fortführen. Wie seine Heimatzeitung im Lancaster County berichtet, hat er Freunden erzählt, dass sie am Montag ihre Fernseher einschalten sollten. Dort will er in den Morgenprogrammen auftreten und am Abend in der Talkshow von Jay Leno. Er werde sogar seine für den Herbst geplante Hüftoperation verschieben, um für seine Unschuld zu kämpfen, sagt sein Freund Mike Farrington: „Er war bei unserem Telefongespräch sehr, sehr überzeugend. Er hat auf jeden Fall einen Plan. Was es ist, weiß ich nicht.“ In Lancaster County glauben sie noch fest an die Unschuld ihres Helden. Ganz egal, was der Rest der Welt denkt.

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