Sport : Falsche Freunde

Knapp 14 Monate vor der Weltmeisterschaft hat Deutschlands Fußball wieder ein Hooligan-Problem

André Görke[Berlin],Stefan Hermanns

Franz Beckenbauer hatte keine Chance. Kaum war er aus dem Auto gestiegen, sah er sich mehreren Kamerateams gegenüber. „Euch brauch’ ich an Ostern“, sagte Beckenbauer und ging weiter. Erst in der Schalterhalle des Flughafens von Maribor wurde sein Fluchtversuch gestoppt, und so musste sich der Multifunktionär doch noch zu einigen unerfreulichen Themen äußern: unter anderem zu den Ausschreitungen deutscher Hooligans in Slowenien. Beckenbauer ist Chef des Organisationskomitees für die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. „Die Welt zu Gast bei Freunden“ heißt der Slogan der WM, am Samstag in Celje hatten sich die vermeintlichen Freunde jedoch aufgeführt wie ein psychopathischer Exfreund, der nach der Trennung von seiner Freundin deren Wohnung auseinander nimmt.

„Das sind keine Menschen“, sagte Gerhard Mayer-Vorfelder, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Die Randale begann am Nachmittag vor dem Spiel in der Innenstadt von Celje. Aus Deutschland waren etwa 250 Hooligans nach Slowenien gereist, rund 100 von ihnen seien dann in der Altstadt aneinander geraten. Hooligans aus Köln und Dortmund sollen sich geprügelt haben – zunächst untereinander. Anschließend vereinten sie sich gegen die slowenische Polizei, verwüsteten ein Hotel, zerstörten Schaufensterscheiben und Autos. Vor, während und nach dem Spiel wurden 65 Gewalttäter festgenommen, darunter 45 aus Deutschland. Nach Auskunft hoher Polizeikreise waren auch rund 50 Berliner in Slowenien, ob sie in die Ausschreitungen verwickelt waren, sei noch unklar, „vielleicht sind sie uns entwischt“.

Die Ausschreitungen der Hooligans in Celje haben ein Problem wieder in die Öffentlichkeit gerückt, das viele seit Jahren für gelöst gehalten haben. Doch schon seit einigen Wochen treten die Hooligans wieder häufiger in Erscheinung, wenn auch noch „sehr vorsichtig und sehr verdeckt“, wie szenekundige Beamte berichten. „Die Szene trainiert für die WM, nicht im Fußballstadion, sondern auf der Wiese.“ In Düsseldorf zum Beispiel kam es vor kurzem bei einem Regionalligaspiel zu Schlägereien fernab der Innenstadt. Bundesweit sind etwas mehr als 7000 so genannte Problemfans registriert.

Die Ausschreitungen in Celje fanden erstmals wieder vor größerem Publikum statt. „Man kann da nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“, sagte Mayer- Vorfelder, der vor dem Stadion selbst von den Hooligans bedrängt worden war. Bundestrainer Jürgen Klinsmann klagte: „Es ist schade, dass die Krawallmacher diese Plattform nutzen können. Für so etwas schämen wir uns.“ Mehrere Feuerwerksraketen flogen aus dem deutschen Block aufs Spielfeld, Sitze wurden aus der Verankerung getreten, der Stadionsprecher drohte zweimal damit, den Block räumen zu lassen. De facto mühten sich sechs Ordner, die deutsche Horde unter Kontrolle zu bekommen. Ihre Versuche hatten fast tragikkomische Züge. Alfred Sengle, der Sicherheitsbeauftragte des DFB, flehte die slowenischen Verantwortlichen an, mehr Sicherheitskräfte in den Block zu schicken – vergeblich.

„Die Zusammenarbeit der Sicherheitskräfte muss besser funktionieren“, sagte Beckenbauer. Der DFB hatte die slowenische Polizei auf die Gefahr hingewiesen, zumal die Deutschen die Gewalttäter nicht an der Einreise hindern konnten. Doch offensichtlich nahmen die Slowenen die Warnungen nicht ernst. DFB-Sprecher Harald Stenger berichtete, die Sicherheitskräfte hätten gesagt, beim Qualifikationsspiel gegen Italien habe es auch keine Probleme gegeben. An viele der Randalierer waren vor dem Spiel Tageskarten verkauft worden, in dem kleinen Stadion war der Block der deutschen Fans nicht von dem der Slowenen getrennt. Beckenbauer sagte, die Gewalttäter „suchen sich solche Länder, bei denen sie wissen, dass die nicht ernst genommen werden“.

Die Versäumnisse der slowenischen Sicherheitskräfte sind die eine Seite. Die Klagen des DFB lenkten jedoch zwangsläufig ein wenig davon ab, dass das eigentliche Problem die deutschen Fans waren. Oder „die so genannten Fans“, wie es im offiziellen Jargon des DFB heißt. Doch gerade bei Auswärtsspielen zieht die deutsche Nationalmannschaft eine schwer erträgliche Klientel an. In Celje versammelte sie sich an den zahlreichen Bierbuden vor den Stadien, an denen auch Nazi- parolen gegrölt wurden.

Im Hinblick auf die WM wird der Sicherheitsapparat der Polizei noch größer. Derzeit arbeiten Bundesgrenzschutz, das Bundeskriminalamt und die Länder unter Führung des Bundesinnenministeriums am „Nationalen Sicherheitskonzept der WM 2006“. Bundesinnenminister Otto Schily sagte der „Bild“-Zeitung: „Die Polizei wird 2006 dafür sorgen, dass diese Schlägertrupps das schönste Fußballfest der Welt nicht kaputtmachen.“

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