Sport : Falscher Antrieb

Beim Berlin-Marathon laufen offenbar gedopte Hobbysportler mit und riskieren gesundheitliche Schäden

Frank Bachner

Berlin - Ein Klick, dann war er auf der Internetseite. Zwei Klicks, dann hatte er bestellt, 20 Tabletten Clenbuterol für 20 Euro. „Ich habe mich für den Berlin-Marathon angemeldet, ich brauche die Tabletten dafür“, sagte er. Clenbuterol ist ein Dopingmittel, das muskelbildend wirkt. Und der Jugendliche mit dem Berliner Akzent, der das fast euphorisch erzählte, ist 16 Jahre alt. Am Donnerstagabend hatte er Jörg Börjesson angerufen. „Wissen Sie, welche Dosierung am besten ist, damit ich die optimale Wirkung erziele?“, hatte der 16-Jährige gefragt. Und Börjesson hatte geantwortet: „Clenbuterol habe ich nie genommen. Aber generell: Lass bloß die Finger von dem Zeug.“

Er kennt solche Anrufe. Er kennt die Leute, die vor Marathonläufen Dopingmittel kaufen und schlucken, um schneller zu werden. Oder um überhaupt durchzuhalten. „Die suchen eine pharmakologische Abkürzung“, sagt der 40-Jährige. In den vergangenen beiden Jahren hat er rund 50 solcher Anrufe bekommen. Von Jugendlichen, Frauen und älteren Männern. Immer sind es Hobbyläufer, die zu Dopingsubstanzen greifen. Alle Berufssparten seien dabei, Manager, Bauzeichner, Studenten. Börjesson soll sie beraten. Welche Dosierung? Welche Mittel? Sie sind alle Teil eines kaum bekannten Problems: dopende Hobby-Marathonläufer. Am nächsten Sonntag ist der Berlin-Marathon, keiner weiß, wie viele gedopte Sportler mitlaufen.

Ein paar Doper outen sich. Aber dass sie ausgerechnet Börjesson anrufen, hat fast schon etwas Zynisches. Denn Börjesson ist leidenschaftlicher Anti-Doping-Kämpfer (www.doping-frei.de). Er ist selber ein Dopingopfer. Börjesson war Bodybuilder, er hatte Anabolika-Tabletten geschluckt, bis ihm Brüste wuchsen. Da hatte er genug. Seither tritt er im Fernsehen auf und an Schulen. Er lebt von seinen Honoraren. Deshalb kennen ihn viele. Deshalb rufen ihn die Hobbyläufer an.

Sie brauchen einen Experten. Er soll ihnen sagen, wie sie die Mittel dosieren, damit sie nicht das Gleiche erleiden wie der frühere Vertreter Börjesson. „Es ist erschreckend, wie viele Freizeitläufer vor Marathonläufen Dopingmittel nehmen“, sagt der 40-Jährige. Zum Beispiel ein 52-Jähriger, der nur ein wenig Fahrrad fährt, aber unbedingt einen Marathon laufen wollte. Er hatte keine Kondition und keine Zeit zum Trainieren – aber Geld für Dopingmittel. Die sollten die konditionellen Mängel ausgleichen. „Was und wie viel haben Sie täglich genommen?“, fragte er. „Anabolika, zeitweise acht bis zwölf Tabletten“, antwortete Börjesson. „Gut, dann nehme ich weniger, und ich nehme keine Anabolika. Dann habe ich keine Nebenwirkungen.“ Das sind typische Dialoge.

Börjesson hatte einen 58-Jährigen am Telefon. Der hatte vor dem Berlin-Marathon 2004 drei verschiedene Dopingmittel genommen Jetzt litt er unter Potenzstörungen. „Ich brauche ein Mittel, bei dem solche Probleme nicht auftauchen“, sagte er. Börjesson empfahl ihm, mit dem Doping aufzuhören.

Es gibt für Untrainierte keine Mittel. Es gibt nur ein enormes Risiko. „Wer nahezu untrainiert drei, vier Wochen lang Dopingmittel nimmt, der spielt im Zweifelsfall mit seinem Leben“, sagt Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Pharmazeutische Forschung, ein anerkannter Experte. Das Gleiche sagt auch Börjesson den Anrufern. Aber die wollen keine Belehrungen, sie wollen Ratschläge. „Die sagen, sie gingen nicht zu Ärzten oder zur Krankenkasse, weil sie dort keine Expertenmeinungen hörten. Die wollen von mir wissen, wie man dosiert, ohne große Schäden davonzutragen“, sagt Börjesson. „Wenn ich denen generell von Doping abrate und die Nebenwirkungen aufzähle, sind sie enttäuscht.“ Aufhören will trotzdem kaum einer.

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