Sport : Familienausflug nach Athen

Die Geschwister Andreas und Anja Dittmer können in unterschiedlichen Sportarten Medaillen holen

Benedikt Voigt

Am 13. August beginnen die Olympischen Spiele in Athen. Bis dahin stellt der Tagesspiegel deutsche Sportler vor, die besondere Aufmerksamkeit verdienen. Heute: Die Geschwister Anja und Andreas Dittmer.

Der „Sportclub live“ des NDR-Fernsehens hat Andreas Dittmer vor einigen Jahren die Wertigkeit seiner Sportart gezeigt. Der Kanufahrer hatte gerade seinen sportlichen Höhepunkt erfolgreich hinter sich gebracht und den Weltmeistertitel im Einer-Canadier über 1000 Meter gewonnen. 5000 Kilometer pflügt der Neubrandenburger dafür jährlich durchs Wasser, die Einladung in den „Sportclub live“ empfand er als Lohn für die Entbehrungen. Doch als die Sendung begann, musste Dittmer plötzlich warten. Der NDR sendete Fußball, „irgendein Regionalligaspiel“, erinnerte sich Andreas Dittmer. Es dauerte schließlich über eine Stunde, ehe er kurz vor Mitternacht ein paar Worte sagen durfte. „Das hat mich echt enttäuscht“, sagt Dittmer, „warum mache ich denn den ganzen Aufwand?“

In diesen Tagen kann er die Frage wieder etwas leichter beantworten. „Aus materialistischer Sicht hätte man in anderen Sportarten wie Fußball sicher bessere Chancen“, sagt Andreas Dittmer, „aber keiner kann einem das Erlebnis Olympische Spiele nehmen.“. Der 32-Jährige genießt das seltene Privileg, diesen Traum mit seiner 28-jährigen Schwester Anja Dittmer erleben zu dürfen, die sich ebenfalls für die Spiele in Athen qualifiziert hat. Im deutschen Olympiateam stehen noch drei weitere Geschwisterpaare: Die Zwillingsschwestern Gabi und Birgit Rockmeier (Leichtathletik), Markus und Christoph Dieckmann (Beachvolleyball) sowie Lado und Manuel Fumic (Mountainbike). Die Dittmers aber sind ein besonderes Geschwisterpaar, weil sie unterschiedliche Sportarten betreiben.

Während Andreas Dittmer im Canadier über das Wasser paddelt, muss Anja Dittmer 1,5 Kilometer hindurchschwimmen. Danach fährt die Sportsoldatin noch 40 Kilometer mit dem Rennrad und läuft zehn Kilometer. Die Triathletin, deren Stärke die Laufstrecke ist, zählt in Athen zu den Medaillenkandidaten. Am Sonntag gewann sie ihren letzten Vorbereitungstriathlon in Tiszaujvaros, Ungarn. Im Jahr 2000 in Sydney war sie nur auf Platz 18 gelandet. „Da konnte ich sie leider nicht sehen, weil sie zwei Tage vor mir ihren Wettbewerb hatte“, sagt Andreas Dittmer. Auch in diesem Jahr wird es schwierig für ihn, die Schwester anzufeuern, denn der Triathlon findet am Vormittag des 25. August statt. Zu diesem Zeitpunkt wird Andreas Dittmer gerade sein Halbfinale hinter sich gebracht haben. Immerhin kann Anja Dittmer, deren Lebensgefährte der Triathlet Stephan Vuckovic ist, ihren Bruder zwei Tage später im Finale über 1000 Meter erleben.

Dass Andreas Dittmer in diesem Rennen mit dem Stechpaddel durchs Wasser pflügen wird, ist sehr wahrscheinlich. Die Chancen stehen sogar gut, dass er die Goldmedaille gewinnen wird. Bereits bei den Olympischen Spielen in Atlanta und Sydney ließ sich der Bankangestellte über 1000 Meter nicht bezwingen. Seit vier Jahren ist er über diese Strecke bei Welt- und Europameisterschaften nicht mehr geschlagen worden. Wenn er sich an seine letzte Niederlage erinnern soll, muss er schon nachdenken. „2002 war das, beim Weltcup in Opole.“

In der Familie Dittmer ist Anja ein wenig aus der Art geschlagen ist. Sie ist die Einzige, die nicht Kanu fährt. Vielleicht aber hat die Einstellung der Männer im Hause ihre Wahl beeinflusst. Da im Canadier nur Männer zu Wettkämpfen antreten dürfen, wäre für sie das Kajak vorgesehen gewesen. „Aber Kajakfahren wurde in unserer Familie immer als Frauensport belächelt“, erinnert sich Andreas Dittmer. So wählte Anja eine Sportart, die nicht gerade im Verdacht steht, eine Disziplin für Weichlinge zu sein.

Im Gegensatz zum Canadier erfreut sich der Triathlon größerer Beliebtheit in den Medien. Härte, Ausdauer und Qual scheinen dem Fernsehen bessere Bilder zu liefern als ein Paddler, der im Indianerstil über einen See fährt. Doch weil Andreas ein aussichtsreicher Kandidat auf Gold ist, dürfte ihm der Besuch im Fernsehstudio nach dem Finale eigentlich nicht zu nehmen sein. Erst recht nicht, wenn seine Schwester auch eine Medaille holen sollte. „Wir sind wichtig für die Medaillenstatistik“, sagte Andreas Dittmer. Diese Erfahrung hat er bereits in Atlanta und Sydney gemacht. Wie es nach den Spielen weitergeht, darüber macht er sich keine Illusionen. „Dann sind wir wieder ganz schnell weg aus der Öffentlichkeit.“

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