Sport : Familienflieger

Der Österreicher Martin Höllwarth ist der größte Konkurrent von Sven Hannawald – und doch ganz anders

Benedikt Voigt

Oberstdorf. Bevor sich der Österreicher Martin Höllwarth auf seinem Podiumsplatz neben Sven Hannawald im Kurhaus Oberstdorf niederließ, rückte ihm sein deutscher Konkurrent noch einmal Kaffeetasse und Kuchen zurecht. Zwei Tage zuvor hatten die beiden Skispringer auf denselben Plätzen gesessen und auf das erste Springen der Vierschanzentournee vorausgeblickt. Am Sonntag kehrten sie als Erst- und Zweitplatzierter auf das Podium im Kurhaus zurück. „Jetzt treffen wir uns schon wieder hier“, sagte Sven Hannawald, doch sein Erstaunen darüber hielt sich in Grenzen. Sie werden sich bei der laufenden Tournee noch häufiger begegnen.

Sven Hannawald gegen Martin Höllwarth, das könnte zum entscheidenden Duell der diesjährigen Tournee werden. In Oberstdorf siegte der Deutsche mit 5,4 Punkten Vorsprung vor dem Österreicher. Dennoch war Höllwarth zufrieden. „Mein Training in Oberstdorf war alles andere als optimal“, sagte der 28-Jährige, „aber ich habe jetzt eine optimale Ausgangsposition.“ Der Führende im Weltcup ist optimistisch für die heutige Qualifikation und das morgige Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen (jeweils 13.45 Uhr, live auf RTL). „Ich werde in Garmisch probieren, die Führung zu übernehmen.“ Das regnerische Wetter oder der böige Wind könnten sein Vorhaben sabotieren. Oder Sven Hannawald. „Sven hat im letzten Jahr gezeigt, dass ihm die Schanzen liegen“, sagt Höllwarth. Der Drittplatzierte Janne Ahonen und der Viertplatzierte Martin Schmitt haben auch noch ein Wörtchen mitzureden.

Der Sieg aber führt in dieser Saison nur über den Ersten im Weltcup. Dabei schien dessen beste Zeit seit den drei olympischen Silbermedaillen von 1992 vorbei. In dieser Saison profitiert Höllwarth jedoch von einem Trainerwechsel im österreichischen Team und einem geänderten Reglement bei den Sprunganzügen. Die neuen Anzüge vermindern den Einfluss des Gewichts der Springer auf die Weite. Damit wollte der Skiweltverband Fis dem Negativ-Image entgegenwirken, wonach im Skispringen das Hungern die größten Erfolge bringe. „Ich kann jetzt mit meinen 65 oder 66 Kilogramm genauso gewinnen“, sagt der 1,82 Meter große Höllwarth. Das sei mit den alten Anzügen nicht der Fall gewesen, da hätten nur noch leichtere Springer gewonnen.

Höllwarth und Hannawald verstehen sich gut, sind aber unterschiedliche Typen. Ihr Alter von jeweils 28 Jahren ist nur eine der wenigen Gemeinsamkeiten. Höllwarth, den ganz Österreich „Hölli“ nennt, wirkt reifer als der deutsche Teenagerliebling. Vor Jahren musste er den tödlichen Autounfall seines Trainers Alois Lipburger verkraften, bei dem er am Steuer gesessen hatte. Seit April 2001 ist der Österreicher verheiratet. Hannawald hingegen muss immer noch in Teenagerzeitungen über den Stand seiner Partnersuche Auskunft geben (siehe Glosse). Während Hannawald sich hinter Worthülsen versteckt, antwortet der Österreicher reflektierend. Ob ihn der Medienrummel bei der Tournee störe? Höllwarth sagt: „Nein, unser Verdienst richtet sich ja danach, ob wir in der Öffentlichkeit sind.“ Im Fragebogen seines Ausrüsters wird er gefragt, welches Ereignis außerhalb des Skisportes im vergangenen Jahr den größten Eindruck auf ihn gemacht habe. „Die Geburt meines Sohnes Nico“, schrieb der Österreicher. Hannawald antwortete auf die gleiche Frage: „Die Tour de France, wie in jedem Jahr.“

Wie in jedem Jahr spielt bei der deutsch-österreichischen Tournee auch das Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich eine Rolle. Nicht zuletzt, weil die „Bild“-Zeitung die Österreicher als „Bösis“ bezeichnete, die gegen das Reglement verstoßen würden. Höllwarth lässt das kalt. „Wir Sportler gehen fair miteinander um“, sagt der Tourneedritte des vergangenen Jahres, „Sven Hannawald hat zu mir gesagt: Vergiss die ,Bild’-Zeitung.“ Zumal ihn die deutschen Zuschauer in Oberstdorf fair behandelt haben. Ob es Sven Hannawald am 4. Januar in Innsbruck ebenso gehen wird, wenn die Vierschanzentournee zum ersten Mal wieder österreichischen Boden betritt? „Das wird doch die Hölle“, hat ein deutscher Journalist bereits im vergangenen Jahr gemutmaßt. Martin Höllwarth hatte ihn damals korrigiert. „In Innsbruck wartet nicht die Hölle auf ihn“, hatte der Österreicher gesagt, „da wartet der Hölli."

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