Sport : Familienkrise

Im vergangenen Jahr waren Raphael und Liv Grete Poirée noch die überragenden Biathleten, bei den Weltmeisterschaften in Hochfilzen laufen sie nur hinterher

Helen Ruwald[Hochfilzen]

Kurze Zeit sah es so aus, als würde doch noch alles gut werden. Raphael Poirée war als 13. in das Verfolgungsrennen der Biathlon-Weltmeisterschaften in Hochfilzen gegangen, hatte die ersten zehn Scheiben getroffen, die Konkurrenten überlaufen und lag auf Platz zwei hinter dem späteren Weltmeister Ole Einar Björndalen. „Eine Zeit lang habe ich an eine Medaille geglaubt“, sagte der Franzose, „aber ich habe mich auf der Strecke so verausgabt, dass ich am Schießstand völlig erschöpft war.“ Als er dort das dritte und vierte Mal stand, schoss er jeweils zweimal daneben und beendete das Rennen als Neunter. Es war alles wie gehabt – und wie so oft in den vergangenen Wochen.

Dabei war Raphael Poirée, der immer noch Zweiter im Gesamtweltcup ist, deutlich erfolgreicher als seine norwegische Ehefrau Liv Grete: Im Sprint enttäuschte sie mit Platz 37, zum Verfolgungswettbewerb trat sie gar nicht erst an. Auch heute im Rennen über 15 Kilometer wird sie fehlen. Nach gerade erst überstandener Viruserkrankung will sie sich für die Staffel schonen, um wenigstens dort den Titel zu verteidigen. Im Gesamtweltcup liegt die 30-Jährige nach einem Saisonsieg nur auf Platz 16 – drei Norwegerinnen haben sich vor die bis vor kurzem unangefochtene Nummer eins der Welt geschoben.

Vor einem Jahr waren die Poirées die umjubelten Hauptdarsteller der Weltmeisterschaften in Oberhof: Da gewannen sie zwei Medaillen mehr als das gesamte deutsche Team. Liv Grete Poirée verließ Thüringen als vierfache Weltmeisterin, ihr Mann holte dreimal Gold, einmal Silber und einmal Bronze. Stolz erzählten sie von der damals einjährigen Tochter Emma und davon, wie wunderbar sich Biathlon und Familienleben verbinden ließen: Zusammen mit Emma, einem Kindermädchen und einem Techniker reisten sie von Rennen zu Rennen. Die vergangene Saison beendeten beide als Weltcupsieger.

Doch das triumphale Comeback nach Emmas Geburt hat mit Verspätung Spuren der Erschöpfung bei Liv Grete Poirée hinterlassen. „Liv Grete ist physisch und psychisch sehr müde“, sagt Raphael Poirée. Zudem „ist Emma kein Baby mehr und will, dass man sich ständig um sie kümmert“.

Obendrein wurde Liv Grete Poirée monatelang von einem Virus geschwächt. Beim Weltcup in Ruhpolding musste auch noch Emma mit hohem Fieber ins Krankenhaus gebracht werden, ihre Mutter bestritt fast einen Monat keine Rennen mehr. Raphael Poirée, der gewohnt gut in die Saison gestartet war, wurde wenig später ebenfalls krank und brach leistungsmäßig ein. Für eine WM-Medaille reichte es bislang nicht. „Ich muss noch 50 Prozent drauflegen“, sagt Poirée. Die Probleme seiner Frau belasten auch ihn, schließlich wohnen die beiden zusammen mit der Tochter im Mannschaftsquartier der Franzosen und trainieren gemeinsam. Raphael Poirée übernimmt die Rolle des Trainers im Familienteam, nun „fühle ich mich schuldig, weil es nicht funktioniert“.

Möglicherweise wird Emma künftig öfter bei den Großeltern bleiben, wenn die Eltern unterwegs sind. Denn diese haben noch große Ziele: Gold bei Olympia 2006 in Turin. Danach, so kündigt Raphael Poirée, an, werde seine Frau ihre Karriere beenden, um ein zweites Baby zu bekommen. Dass zwei Kinder nicht mit einer Biathlonkarriere zu vereinbaren sind, haben die Poirées inzwischen begriffen.

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