Fan-Gefühle : "Die Hertha-Fahne habe ich wieder vom Balkon geholt"

Im März bejubelten Berliner Fans bei uns die Tabellenführung. Neun Monate später macht sich Ernüchterung am Tabellenende breit.

Lars Spannagel
Hertha_Fan
In dieser Saison fehlen bei der Hertha Anlässe und Gäste für Feierlichkeiten. -Foto: ddp

Am 17. März 2009 freuten sich Hertha-Fans im Tagesspiegel über die Tabellenführung. Nicht einmal neun Monate später stehen die Berliner abgeschlagen am Ende der Tabelle – und wir fragten die Anhänger erneut nach ihren Befindlichkeiten.

LARS BERNAU

März: Als Polizeibeamter bin ich in der glücklichen Lage, meinen Beruf mit meinem Hobby zu verknüpfen. Oft sorge ich mit meinen Kollegen im Olympiastadion für Ordnung. Gleichzeitig bin ich der Vorsitzende der „Herthacops“, eines Hertha-Fanklubs, dessen Mitglieder zum großen Teil Polizisten sind. Dienstlich ist mir in letzter Zeit im Stadion aufgefallen, dass es viel weniger gewaltbereite Anhänger gibt. Der Erfolg der Hertha scheint mehr friedliche, echte Fans anzulocken.

Heute: Man wird als bekennender Hertha-Fan im Moment sehr viel aufgezogen. Ich bekomme E-Mails, in denen das neue Fanpaket angeboten wird: mit besonders brennbarer Hertha-Fahne und dem extra saugfähigen Fanschal für die Tränen. Bei meinen Spieleinsätzen als Polizist sehe ich natürlich, wie enttäuscht die Fans sind, dadurch passiert im Stadion aber nicht mehr. Die Stimmung ist nicht aggressiver geworden. Als echter Hertha-Fan übersteht man aber auch so eine Durststrecke. Der Klub braucht jetzt jeden richtigen Fan – und ein Erfolgserlebnis. Ich bin mir immer noch sicher, dass wir die Klasse halten. Auch wenn es nicht gerade schöner Fußball ist, den man geboten bekommt. Es ist aber auch viel Pech dabei.

SUSANNE KLAUSING

März: Die Stimmung bei den letzten Heimspielen war irre, alles feiert! Auch als Blinde spüre ich sehr gut, dass im Moment mehr Leute im Stadion sind. Das merke ich sofort, da ist ein besonderes Kribbeln. Unsere Spielkommentatoren, die uns per Kopfhörer über das Geschehen informieren, gehen bei Toren für Hertha durch die Decke. Ich merke schon an der Reaktion der Zuschauer, wenn sich eine Chance für Hertha anbahnt. Dann springe ich von meinem Sitz auf – selbst wenn ich dadurch auch nichts sehe. Nach dem Sieg gegen Leverkusen bin ich noch eine halbe Stunde im Stadion geblieben und habe verfolgt, wie die Spieler vor der Kurve mit den Fans feiern. Was da abgeht, muss man gar nicht sehen. Das spürt man.

Heute: Als gegen Frankfurt das 0:2 gefallen ist, habe ich gespürt, dass das halbe Stadion abgehauen ist. In der letzten Saison waren auch wir meist mehr als 80 blinde und sehbehinderte Fans, jetzt sind wir nur noch die Hälfte. Unsere Kommentatoren versuchen immer, neutral zu bleiben. Sie sagen nie: „Vergesst es, das Spiel ist scheiße.“ Aber manchmal kommt schon Niedergeschlagenheit durch. Auch in den letzten Spielen wurde die Mannschaft zunächst noch angefeuert – aber nach dem 0:2 gegen Frankfurt wurde es für ein paar Minuten totenstill im Stadion. Diese Stille, das fand ich wirklich erschreckend und bedrückend. Damals hat es geprickelt, jetzt ist es irgendwie ein flaues Gefühl. Man denkt: Oh, Gott, was passiert jetzt? Man hört auch nicht wirklich, wenn die Mannschaft nach dem Abpfiff noch einmal in die Kurve kommt. Unsere Kommentatoren erzählen uns dann: „Die Spieler werden jetzt von den Fans mit Gegenständen beworfen.“ Aber wir haben noch 20 Spiele, ich bin sicher, dass wir den Klassenerhalt noch schaffen.

KAYA YILDIRIM

März: Als die Hertha 2004 gegen den Abstieg gespielt hat, habe ich mir eine Hertha-Fahne gekauft. Jetzt hängt die wieder auf meinem Balkon. Ins Stadion gehe ich mit meinem fünfjährigen Sohn. Im Moment interessiert mich vor allem, wie über Hertha in den Medien berichtet wird. Schön zu sehen, dass sogar der Sportteil überregionaler Zeitungen mit Hertha-BSC-Texten beginnt. Hertha hat meiner Meinung nach jetzt schon gewonnen, egal wie die Saison endet.

Heute: Die Fahne habe ich auf Anraten meines Sohnes vor drei Wochen eingeholt. Ich brauchte eine Pause, das Wetter und die Stimmung sind außerdem zu schlecht. Der Druck von außen auf die Spieler muss weg, sie müssen sich jetzt aus sich heraus steigern. Mein Sohn hat vor dieser Saison zum ersten Mal eine eigene Dauerkarte bekommen, nach dem 0:4 gegen Freiburg hatte er aber nichts dagegen, dass ich bei den letzten Heimspielen meinen Neffen mitgenommen habe und er zu Hause geblieben ist. Mein Sohn spielt jetzt auch selbst im Verein, er ist ein geborener Linksfuß und schießt Tore wie am Fließband. Um ehrlich zu sein, schaue ich mir seine Spiele im Moment lieber an als die von Hertha.

HELMUT FRIBERG

März: 1984 habe ich den „Anhängerclub Oberring“ mitbegründet. Seit 1979 habe ich eine Dauerkarte und war schon bei mehr als 450 Auswärtsspielen dabei. Meine Erwartungen sind jetzt schon übertroffen. Auch wenn Hertha nicht Meister wird, war es eine klasse Saison. Die letzten Jahre habe ich oft gehofft, dass Hertha BSC so schnell wie möglich 40 Punkte kriegt, damit wir nicht absteigen. Und jetzt an der Tabellenspitze – das ist doch Wahnsinn! Ich gehe derzeit mit stolzgeschwellter Brust durch die Stadt und genieße die positive Stimmung. Oft sprechen mich die Leute auf Hertha an, da ich immer etwas trage, das mich als Hertha- Fan kenntlich macht, ein T-Shirt oder eine Mütze.

Heute: Es war geil, dass in der vergangenen Saison 70 000 Zuschauer gegen Bochum da waren. Aber in schlechten Zeiten sind wir wieder alleine. Man merkt heute, wo man Freunde hat. In der Stadt lachen die Leute uns ja schon gar nicht mehr aus, die haben Mitleid. Am Montag bei der Mitgliederversammlung war ich sehr enttäuscht, wie viele Fans mit Artur Wichniarek umgegangen sind. Das hat mich richtig stinkig gemacht. Im Moment könnte ich doch auch Messi, Ronaldo oder Gerd Müller vorne reinstellen: Wenn keine Bälle aus dem Mittelfeld kommen, kann er auch nichts machen. Der Fehler vor Saisonbeginn war, dass Trainer Lucien Favre zu viel Macht gehabt hat. Ich habe auch keine Hoffnung mehr, dass wir nicht absteigen. Deshalb müsste man im Winter einen Neuanfang starten: alle Spieler, für die man Geld bekommt, sofort verkaufen und sich auf die Zweite Liga vorbereiten. Ich habe auch große Bedenken, ob Hertha sofort wieder aufsteigt. Ich kenne meinen Verein: Wenn jemand so richtig ins Fettnäpfchen tritt, dann wir. Mir geht es gerade sehr schlecht, mich haben die letzten Wochen sehr mitgenommen.

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