Sport : Fan-Kodex statt null Toleranz

Gewaltexperte will ein Abkommen im Stadion

Berlin - Null Toleranz, Stadionverbote, Polizei im Zuschauerblock – drastische Maßnahmen stehen nach den jüngsten Fan-Exzessen im deutschen Fußball als Reaktionen im Raum. In zwei Wochen findet ein Runder Tisch statt, an dem hochrangige Vertretern aus Sport und Politik über geeignete Antworten auf Krawalle im Stadion beraten. Bereits jetzt empfiehlt der bekannte Konfliktforscher Gunter A. Pilz einen wohldurchdachten Umgang mit der sensiblen Thematik.

„Man sollte besonnen und nicht übersteigert reagieren. Wenn die Innenminister nun fordern, dass die Polizei in den Block kommen soll, um das zu verhindern, kann ich garantieren, dass es noch mehr knallt. Gerade bei dem ausgeprägten Feindbild, das Fans von der Polizei haben, wird Polizei im Block zu permanenten Eskalationen führen“, sagt Pilz. Am 24. November werden die Spitzenfunktionäre des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und der Polizei mit Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und seinen Kollegen aus den Ländern über Maßnahmen gegen Gewalt beraten.

Die Krawalle zuletzt bei den Pokalspielen im DFB-Pokal, die Verwendung von Pyrotechnik oder die Bedrohung des Fußballers Daniel Bauer durch Fans des Regionalligisten 1. FC Magdeburg haben Vereine und Verbände regelrecht entsetzt. Der DFB will zukünftig „Null Toleranz“, der DFB-Kontrollausschuss fordert einen Ausschluss Dresdens aus dem DFB-Pokal-Wettbewerb.

„Die Frage wird sein, wie man das jetzt wieder runterfahren kann“, sagte Pilz, der beim DFB unter anderem in der Kommission für Prävention und Sicherheit sitzt. Aus seiner langjährigen Forschungsarbeit heraus kennt der Wissenschaftler die Fanseele ziemlich genau. Miteinander statt gegeneinander ist seiner Meinung nach das richtige Mittel.

„Wenn es die Ultras oder die Mehrheit nicht begreifen, sollte man an ihre von den Vereinen bewilligten Privilegien rangehen. Zum Beispiel an die großen Fahnen, die sie ins Stadion bringen dürfen, obwohl sie eigentlich laut Stadionordnung verboten sind“, erklärt Pilz. Für die richtige Strategie hält der Professor der Universität Hannover einen Verhaltenskodex, den Bundesligist Werder Bremen mit den eigenen Fans entwickelt hat. „Seitdem reagieren die Fans und sorgen selbst dafür, dass diejenigen, die gegen den Kodex verstoßen, zumindest signalisiert bekommen, dass hier gegen eine gemeinsame Vereinbarung verstoßen wird“, sagt Pilz. „Selbstregulierung“ sei der Schlüssel zur Lösung des Problems. „Interessant ist, dass diese Selbstregulierung im Bereich Rassismus bereits hervorragend greift. Bei Pyrotechnik und Gewalt klappt es noch nicht so. Das zeigt, dass die Fans dafür offensichtlich noch Sympathie haben.“dapd

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