Sport : Fan-Sprecher Dembowski über die Leiden der Anhänger

Rufe wie "Scheiß-Millionäre" in Dortmun

Gerd Dembowski (27) ist Bundessprecher des "Bündnis Aktiver Fußball-Fans" (BAFF), dem einzigen bundesweiten Zusammenschluss von Fans. Er arbeitete von 1995 bis Januar 2000 im Fanprojekt Duisburg und lebt nun in Berlin.

Rufe wie "Scheiß-Millionäre" in Dortmund, Pöbeleien bei Hertha - warum sind Fans in diesem Jahr so böse auf ihre Vereine?

Den Protest gibt es schon seit Jahren. Früher haben die Fans "Scheiß-Millionäre" am Stammtisch gesagt. Jetzt merken sie, dass man im Stadion damit einen großen Effekt erzielt. Aber das gibt sich auch wieder. Wenn Dortmund dreimal hintereinander gewinnt, dann mögen sich alle wieder.

Aber neu ist doch, dass Fans nur noch bei sportlichem Erfolg zu ihrer Mannschaft stehen ...

Das ist wahrscheinlich mehr ein Ding der reichen Klubs. Wenn Dortmund für 50 Millionen einkauft und sagt, dies sei eine Übergangslösung, dann ist das ein Witz. Damit könnten kleine Vereine über Jahre vernünftige Arbeit leisten. Dortmund kauft mal eben ein paar Stars, und dann klappt es nicht. Das macht jeden sauer. Der normale Fan ist aber immer noch genauso leidensfähig wie früher.

Und der nicht normale?

Es gibt einen Unterschied zwischen Fan und Kunde. Der Fan steht zu seinem Verein, der ist auf eine gewisse Weise "treu", auch wenn sein Verein verliert. Der Kunde dagegen sucht sich für sein Portemonnaie das beste Produkt aus. Für den muss das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen. Stimmt es nicht, wird er ungeduldig.

Wird es immer mehr Kunden und weniger Fans geben?

Dann müssten wir alle zum FC Bayern halten. Aber nicht alle mögen den FC Bayern und das wird auch weiterhin so sein. Die absolute Verkundung der Fanszene wird es nicht geben. Das ist auch gar nicht im Sinne der Vereine. Die begreifen schon, wie wichtig die Fans sind. Schalke etwa, die bauen ihre neue Arena für 52 000 Zuschauer und da wird es 20 000 Stehplätze geben.

Also doch Interesse der Vereine an ihren Fans?

Die Vereine machen das nicht, weil die ihre Fans so gern haben. Die erkennen das Potenzial der Kurvenbesucher, die vielleicht auch auswärts mitfahren und dort fürs Fernsehen und Sponsoren eine schöne Kulisse bilden. Das sind die Leute, die auf der Arbeit von ihrem Verein erzählen und so das Image verbreiten.

Argumentiert der Fan also mit seinem Stimmungs-Potenzial?

Eigentlich schon. Wenn man aber die USA sieht, wo das Band den Gesang übernimmt, können wir mit der Stimmung auch nicht mehr kommen.

Bei Hertha singt doch jetzt schon Frank Zander von der Anzeigetafel. Stirbt die Fußballkultur aus?

Sie verarmt. Ganze Fankurven singen dieselben Lieder. Früher gab es regionale Unterschiede. Jetzt werden die jungen Fans mit Fan-Hitparaden zugedröhnt. Die singen sie dann im Stadion. Früher ist man eine Stunde früher ins Stadion gekommen und hat sich warmgesungen. Jetzt hat man zwischen der ganzen Werbung, Cheerleadern und Wettspielen kaum noch Platz für eigene Sachen.

Gibt es denn Proteste jenseits von "Scheiß-Millionäre"?

Es gibt ein Vorbild aus England. Ein Agreement zwischen Vereinen und Fans für Singing Sections. Das sind abgegrenzte Zonen. Normalerweise würde ein Bobby kommen, der "Please sit down" sagt. Aber die stehen jetzt auf den Sitzschalen und singen.

Und haben sich Fans auch ganz abgewandt?

Eine Avantgarde gibt es in Leipzig. Fans vom VfB Leipzig und Sachsen Leipzig hatten keine Lust mehr auf die rechten Anhänger ihrer Vereine. Die haben einen eigenen gegründet. Nennen sich Roter Stern Leipzig, spielen in der dritten Kreisliga, haben bis zu 200 Zuschauer und feiern sich selbst.Das Gespräch führte Julia Möhn

Mehr zum Thema im Internet unter

www.aktive-fans.de

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