Sport : Fanblock Fernweh

Eine Auswärtsfahrt nach Schalke? Pah, kann doch jeder, ein Kinderspiel! Was sagen erst die Fans in Afrika, Indien oder in den USA? Uns haben sie ihre Geschichte erzählt

André Görke

Werder Bremen

Über den Dächern Bombays

„Beck’s-Bier gibt es hier in Indien leider nur alkoholfrei, deshalb trinken wir bei Fußballnächten Kingfisher Lager. Das ist ganz gut und hat so viel Kohlensäure und Konservierungsmittel, dass es nach drei Tagen offen im Kühlschrank am besten schmeckt. Und ja: Wir reden von Fußballnächten. Denn nur wenn wir Glück haben, können wir Werder in der Champions League live sehen, von 0.15 Uhr bis 2.30 Uhr – und auch nur, wenn sie gegen eine englische Mannschaft spielen. Die DFL hat offensichtlich das Potenzial noch gar nicht entdeckt! Wir, die „Bombay Werder Wallahs“ – Bombay heißt heute offiziell Mumbai – sind knapp 20 Leute aus Indien und Deutschland, die hier leben und arbeiten. Vor vier Jahren, nach meiner Ankunft in Bombay, wo ich beruflich und privat heimisch geworden bin, haben wir den Klub gegründet. Ich, Jan Eberhardt, leite eine von mir gegründete Unternehmensberatung, wohne im 19. Stock mit tollem Blick auf das Meer. Ich bin hier mit einer Inderin, Ranjana, verheiratet und habe einen acht Monate alten Sohn: Lukas. Und der ist natürlich auch schon Mitglied im Werder-Fanklub Mumbai.“

Entfernung vom Weserstadion: 6606 Kilometer

Borussia Mönchengladbach

Schwarze Fohlen in Kalifornien

„Wir sind zwölf Gladbach-Fans und nennen uns so: NOR-CAL Black B Foals. Das bedeutet nichts anderes als die Schwarzen Fohlen aus Nordkalifornien. Die Idee, unserem Lieblingsverein auch in der Ferne die Treue zu halten, kam bei einigen Bieren Anfang August. Wenn die Borussia spielt – wir können hier manche Bundesligapartien in den USA sogar live sehen! – dann ist Pils allerdings tabu. Warum? Na, weil der Zeitunterschied neun Stunden beträgt und wir um 6.30 Uhr morgens keine Lust auf Bratwurst und Bier haben – und morgens hat eh noch keine Kneipe offen. Das holen wir nachmittags nach. Gladbach-Fan war ich, Peter Kuppers, schon als Kind, habe dort selber mal gelebt, und daher tat mir der Abstieg vor einigen Jahren auch nicht weh. Da haben wir die Spiele in der Zweiten Liga am PC verfolgt – hier, im fernen Kalifornien.“

Entfernung zum Borussiapark: 8983 Kilometer

Hansa Rostock

Mit Koyoten und Bären in Kanada

„Früher habe ich in einem Dorf in Mecklenburg gewohnt, Plau am See. Unser Fanklub besteht im Wesentlichen aus meiner Familie, also vier Personen. Die große Entfernung macht es schwer, mal ein Hansa-Spiel live zu sehen – und Bundesliga im Internet macht wenig Spaß, wenn man nur etwas hört, aber nichts sieht. Besonders mein Sohn Bryan, 16, hat anfangs darunter gelitten. In Deutschland sind wir regelmäßig ins Ostseestadion gefahren, auch auswärts. Ich, Tom Wrede, bin Fernfahrer in Kanada, und in meinem Firmentruck – mit 415 PS und 13-Gang-Automatik – ist immer ein Hansa-Schal oder ein Hansa-Autokennzeichen an der Windschutzscheibe befestigt. Im Sommer haben wir an der „Pioneer-Days“-Parade in Steinbach, Manitoba, teilgenommen und unsere Hansa-Trikots getragen. Da haben einige schon geguckt. Mit den Pioneer-Days feiern die Leute hier die Besiedlung dieser Gegend, die 1870 angefangen hat. Im Grunde genommen sieht es bei uns in Manitoba aus wie in Mecklenburg – es ist nur hundertmal größer. Und hier laufen halt Stinktiere, Schwarzbären und Koyoten rum.“

Entfernung zum Ostseestadion: 6755 Kilometer

1. FC Köln

Kölsche Lieder am Ballermann

„Mein Name ist Ronald Büttner, aber hier am Ballermann nennt mich jeder Ron. Ich bin 37 Jahre alt, lebe seit fünf Jahren auf Mallorca und bin Chef des Kölschen Pub 47-11. Ich bin Berliner, geboren in Johannistal. Ich bin mit zwölf Jahren rüber in den Westen und bin zu Hertha gegangen. Die hatten ja früher eine Freundschaft mit Union, meinem alten Lieblingsklub. Nach dem Mauerfall entstand aber auf einmal eine Feindschaft zwischen den beiden, das war furchtbar. Als Kind waren Thomas Häßler und Pierre Littbarski meine Idole, ich war oft in Köln, und so kam es, dass ich mich meiner Heimat immer mehr entfernte. Zwei- oder dreimal im Jahr kam ich zurück und erkannte meine Stadt nicht wieder: schneller, besser, weiter. Selbst die Loveparade, früher mein Highlight, war nicht mehr zu ertragen. Als es mit der Gastronomie bergab ging und ich merkte, wie entspannt Deutsche im Ausland sind, zog ich nach Mallorca und lernte meine Simone kennen. Ich gründete den FC-Fanklub Mallorca Boyz mit mehr als 100 Mitgliedern, die sich regelmäßig im 47-11 zwischen Ballermann 3 und 4 treffen. Bei FC-Spielen ist hier die Hölle los. In der Sommerpause besuchen uns auch Spieler: Lottner, Ebstein, Cullmann, Voigt. Das mit dem Auswandern ist lustig. Es geht schneller von Tegel nach Palma als nach Schönefeld im Berufsverkehr – kann man da von Auswandern reden? Ich finde, es gibt nichts Schöneres, als im FC-Trikot am Strand zu sitzen und kölsche Lieder zu singen.“

Entfernung zum Kölner Stadion: 1304 Kilometer

Hertha BSC

3500 Blau-Weiße in Nigeria

„Mein Name ist James Ade-Adelenu, ich lebe in der Stadt Ibadan, im Südwesten Nigerias. Ibadan kennt nicht jeder, nicht schlimm, dafür kennt hier jeder diesen Ruf: Ha-Ho-He, Hertha BSC. Ich habe in Ibadan einen Fanklub gegründet. Mein Büro ist voll mit blau-weißen Fahnen und Schals von Hertha, und ein Trikot hat mir die Mannschaft auch geschenkt. Ibadan ist eine Stunde von Lagos entfernt und mit vier Millionen Einwohnern größer als Berlin. Lagos, manche wissen es noch, war bis Anfang der Neunziger unsere Hauptstadt, dort bin ich geboren. Na, und jetzt haben wir hier in Nigeria 3500 Mitglieder im Fanklub Hertha-Nigeria. Wirklich, 3500 Mitglieder: Allerdings habe ich gleich noch die Hertha Fußball Academy gegründet, für Jugendliche unter 18 Jahren. Ich bin oft in Berlin, arbeite in der Immobilienbranche, und dann versuche ich, Solomon Okoronkwo zu besuchen, den Stürmer von Hertha. Er ist schließlich auch Nigerianer.“

Entfernung zum Olympiastadion: 5083 km

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