Sport : Fang den Schuh

In der letzten Minute erzielt Marcelinho Herthas 2:1 gegen Dortmund – und feiert dann auf ganz eigene Art

Klaus Rocca

Berlin. Sie waren schon vorher aufgefallen, seine neuen orangefarbenen Fußballschuhe. Doch dabei ließ es Marcelinho nicht bewenden. Als nur noch Sekunden zu spielen waren, zog er einen Schuh aus, warf ihn seinem Landsmann Alex Alves zu, der ihn zurückwarf und Marcelinho ihn mit einer Hechtrolle auffing, die einem Torhüter Ehre gemacht hätte. Jubel auf Brasilianisch. Kurz zuvor hatte Marcelinho, ganz ungewohnt per Kopf, in seinem 50. Bundesligaspiel jenes Tor erzielt, das im lange Zeit so ruhigen Olympiastadion doch noch Begeisterung hervorrief. Es bescherte Hertha BSC im Duell mit Meister Dortmund den 2:1 (0:0)-Sieg, der nach der verkorksten Hinrunde Hoffnung aufkeimen lässt. „Jetzt nehme ich Wetten bis zu 5000 Euro an, dass wir mindestens noch Fünfter werden“, sagte Manager Hoeneß. Fügte aber schmunzelnd hinzu: „Allerdings nur eine.“

So brasilianisch der Berliner Fußballnachmittag endete, so unbrasiliansch ging es lange Zeit auf dem unansehnlichen Rasen zu, den Hoeneß als „Katastrophe“ bezeichnete. Dabei standen insgesamt sieben Spieler aus dem Land des Weltmeisters auf dem Platz. Doch besonders vor der Pause blieb es langweilig. Auch weil sich Dardai gegen Rosicky und Frings gegen Marcelinho im Mittelfeld neutralisierten.

Pal Dardai war es zu verdanken, dass dann doch noch Spannung ins Spiel kam. Der Ungar, der Rosicky kaum zur Geltung kommen ließ, tat nicht nur viel für die Offensive, er schoss auch noch das Tor zum 1:0, das viele aufzuwecken schien: die Hertha-Fans, die zuvor gegen die rund 4000 Dortmunder Anhänger einen schweren Stand hatten, die Borussen, weil sie nun mehr als Disziplin und Cleverness investieren mussten. Jan Kollers Kopfballtor zehn Minuten vor dem Abpfiff schien für eine gerechte Punkteteilung zu sorgen. Auch wenn Herthas Trainer Huub Stevens später meinte, der Sieg sei verdient gewesen.

Dass sein Gegenspieler Matthias Sammer dann doch nach eigenen Angaben „mit Magenschmerzen“ die Heimreise antrat, lag an jener Szene, nach der Marcelinho seine Schuh-Schau abzog. Der erst spät eingewechselte Michael Preetz hatte klug von der Seite geflankt, der völlig ungedeckte Marcelinho köpfte den Ball ein. „Wenn wir solche Fehler machen, brauchen wir nicht über die Meisterschaft zu reden. Dann stehen wir am Ende auf Rang zehn oder zwölf, kommen vielleicht sogar noch in Abstiegsgefahr“, sagte Sammer. Da musste der neben ihm sitzende Stevens dann doch lächeln.

Zum Lachen war ihm bei aller Freude über den Erfolg offenbar nicht. Auf die Abwehr, die in 18 Spielen erst 20 Tore kassiert hat, war wieder mal Verlass. Doch mit den Stürmern konnte Stevens nicht zufrieden sein. Luizao, der später Preetz Platz machen musste, verstolperte ebenso wie Alves immer wieder den Ball. Hertha wird wohl bis zum Saisonende mit dem Stürmerproblem leben müssen.

Dass auch gestern zwei Mittelfeldspieler die Tore erzielten, sagt genug. Vor allem Marcelinho, der vor der Winterpause viel Kritik einstecken musste, dürfte durch sein Tor Auftrieb bekommen haben. Dass die Partie live nach Brasilien übertragen wurde, sollte seine Chancen für eine Berufung in die Nationalmannschaft erhöhen. Und seine Schuh-Schau wird auch dort gut angekommen sein.

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