Fangipfel gibt Anlass zur Hoffnung : Mantras und Pyramiden

Der Fangipfel von Köpenick gibt Anlass zu der Hoffnung, dass sich Fans, Vereine und Verbände beim Thema Sicherheit wieder die Hand reichen könnten. Auch dank des künftigen DFL-Geschäftsführers Andreas Rettig.

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Alle Hände voll zu tun. Andreas Rettig, der designierte Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga, stellte sich in Köpenick den Fans.
Alle Hände voll zu tun. Andreas Rettig, der designierte Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga, stellte sich in Köpenick den...Foto: dapd

Berlin - Am Tag nach dem Fangipfel sah sich der große Fußball gezwungen, zumindest eine Sache klarzustellen. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) teilte am Freitag mit, dass Pyrotechnik in Stadien unumstößlich verboten bleibt. 250 Fanvertreter hatten am Donnerstagabend in der Abschlusserklärung ihres Treffens in Berlin noch von „erheblichem Diskussionsbedarf“ bei diesem Thema gesprochen. Auch wenn sich Fans und Funktionäre in Sachen Pyrotechnik wohl nicht mehr näherkommen werden, gab die Veranstaltung von Köpenick doch Anlass zu der Hoffnung, dass sich Fans, Vereine und Verbände beim Thema Sicherheit wieder die Hand reichen könnten.

Einen nicht unerheblichen Anteil an diesem Eindruck hatte Andreas Rettig. Der 49-Jährige übernimmt am 1. Januar 2013 die Geschäftsführung der DFL, am Donnerstag saß er beim Fangipfel im Vip-Zelt des 1. FC Union in der zweiten Reihe. Der ehemalige Manager des SC Freiburg, des 1. FC Köln und des FC Augsburg gab nicht nur geduldig den zahlreichen Reportern und Kamerateams ein Interview nach dem anderen, sondern sprach auch zu den Fans. Dabei gelang es ihm, die Interessen der DFL glaubwürdig zu vertreten und gleichzeitig Verständnis für die Belange der Fans zu zeigen. Mantra-artig wiederholte Rettig immer wieder, es sei an der Zeit, „verbal abzurüsten“. Applaus bekam er für seine Bemerkung, die „Zeit von Befehl und Gehorsam“ sei vorbei.

Die Teilnehmer des Fantreffens werden sehr genau beobachten, ob Rettig weiter als Fanversteher auftritt, wenn er im kommenden Jahr sein neues Amt ausübt. Und ob er sich dann auch noch traut, wichtige Gesprächspartner lautstark zu kritisieren. „Das ist mir zu viel Populismus“, sagte Rettig am Donnerstag in Richtung von Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier. Dieser hatte in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Innenministerkonferenz nach den Krawallen beim Ruhrderby gepoltert: „Geredet ist nun genug. Jetzt müssen Taten folgen.“

Das nächste wichtige Datum in der Sicherheitsdebatte ist der 12. Dezember, wenn die Mitgliederversammlung der DFL tagt und über das Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ befinden will. Die Fans, die das Papier geschlossen ablehnen, werden bis dahin in ihrem Protest nicht nachlassen. Dem Vernehmen nach einigten sich auch die Teilnehmer einer parallel zum Fangipfel tagenden Ultra-Versammlung auf einen gemeinsamen Aktionsplan. Und am Donnerstag ging die vom Dortmunder Fanzine „Schwatzgelb“ initiierte Internetaktion „Ich fühl mich sicher!“ online. Bis Freitagabend hatten sich bereits knapp 24 000 Menschen als Unterstützer der Aktion eingetragen und mit ihrem Namen versichert, sich auch ohne neue Konzepte im Stadion sicher zu fühlen.

Anhänger des 1. FC Union riefen auf dem Fangipfel alle Teilnehmer dazu auf, in ihren Vereinen um Mitsprache zu kämpfen. In einem Vortrag hieß es, in der Fußballpyramide seien die Fans zurzeit ganz unten und die Verbände ganz oben, dieses Verhältnis müsse man umdrehen. Andreas Rettig sah das ganz nüchtern: „Wir wollen ein sicheres Stadionerlebnis. Ob wir in einer Pyramide oben oder unten stehen, ist mir schnuppe.“ Ein bisschen unaufgeregter Pragmatismus kann dem deutschen Fußball zurzeit sicher nicht schaden. Lars Spannagel

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