Fankultur : In nächster Nähe, so fern

Seit Jahren verpassen sie kein Heimspiel – und sehen doch nie ein Tor. Wie zwei Hertha-Fans bei ihren Jobs im Olympiastadion leiden, weil der Ball ohne sie rollt.

Lucas Vogelsang
Olympiastadion Berlin
Mit dem Rücken zum Feld: Harry Seifert.Foto: dpa, Vogelsang/Montage: Mika

Nehmen wir mal an, es ist Weihnachten. Die Kinder dürfen den ganzen Nachmittag vor dem geschmückten Baum sitzen. Doch kurz bevor die Bescherung beginnt und sich der Tag seinem eigentlichen Höhepunkt nähert, werden sie aus dem Wohnzimmer geworfen und müssen den Rest des Abends im Keller Mathe-Hausaufgaben machen. Geschenke gibt es keine. Und Lieder singen ist verboten. Für Renate Kressin gleicht jedes zweite Bundesliga-Wochenende diesem absurd entstellten Weihnachtsabend.

Denn die kleine dunkelhaarige Frau ist seit mehr als dreißig Jahren bei jedem Heimspiel von Hertha BSC im Olympiastadion. Und hat seit mehr als dreißig Jahren trotzdem kein Heimspiel gesehen. Ihre Arbeit erlaubt es ihr nicht. Die 62-Jährige ist Herthas „Chefkassiererin“, wie sie stolz sagt. Seit 1978 arbeitet sie hier an der Kasse, ist die Frau mit den Karten. Mittlerweile – modern und neudeutsch – sogar: Ticketmanagerin. Und deshalb sitzt sie pünktlich zum Anpfiff im Keller eines Betonklotzes neben dem Osttor und zählt Geld. Vom Spiel bekommt sie nichts mit. Dabei atmet Renate Kressin diesen Verein. Sie trägt auch hier unten ein Hertha-Trikot. Seit fünfzig Jahren ist sie Hertha-Fan, länger dabei als die meisten anderen Anhänger des Klubs. Zuhause in Buckow ist sogar das Bad blau und weiß gefliest. In dieser Woche erst hat sie Stiefmütterchen gepflanzt. In den Vereinsfarben natürlich. Die Nachbarn schütteln nur noch selten den Kopf über die Hertha-Renate. Sie würden wahrscheinlich nicht mal mehr mit den Schultern zucken, würde sich die Frau Kressin das Gesicht von Michael Preetz auf die Stirn tätowieren lassen. So ist sie halt. Dabei hat sich Kressins Alltag eher unfreiwillig blauweiß gefärbt: Die damals Zwölfjährige musste ihren kleineren Bruder ins Stadion begleiten, sollte aufpassen. Widerwillig ging sie mit. Doch schon bald stand sie morgens als eine der ersten vor dem Stadion. Ging als letzte. Heute ist es nicht anders. Nur, dass sie nicht mehr anfeuert und singt, weil sie im Kartenhaus gefangen ist. Um neun Uhr morgens fängt ihr Spieltag an. Meist ist sie nicht vor sieben Uhr abends zu Hause.

Auch diesmal ist es nicht ihr Spiel. Während draußen das ausverkaufte Olympiastadion in der Sonne kocht, sitzt sie in einem kleinen farblosen Raum und überprüft die Kassen, verstaut die Tageseinnahmen in speziellen Sicherheitstaschen für den Transport. Durch das kleine vergitterte Fenster fällt kein Lichtstrahl. Nur ab und zu dringt der Jubel der Ostkurve in den Keller, dann zuckt Renate Kressin kurz. Das künstliche Licht lässt sie dabei seltsam bleich erscheinen. Und irgendwie wirkt ihre Arbeit in diesem Moment wie selbst gewählte Isolationshaft. Sie fühle sich manchmal schon wie im Gefängnis hier, sagt sie. Aber es ist eben auch ihr Traumjob. Deshalb geht das. Hertha BSC ist ihre Familie. Und wie es sich für eine richtige Mutti gehört, opfert sich Renate Kressin eben auf.

Doch sie ist nicht die einzige, die vom Job aus der Kurve getragen wurde: Im Orbit des Olympiastadions, das glitzernd in der Senke neben dem Maifeld liegt wie ein gestrandetes Raumschiff, gibt es viele echte Fans, die den Spielstand nur durch die Ahs und Ohs der Ostkurve verfolgen. Sie stehen als Ordner in neon-orange mit dem Rücken zum Spiel oder in alten Trigema-Trikots vor dem Osttor und sammeln Flaschen, verkaufen Fanartikel an der S-Bahn, wenden Würstchen in kleinen Buden, an deren Wänden blauweiße Artefakte, Zweitliga-Erinnerungen oder persönliche Trophäen hängen: Vergilbte Tickets. Fotos, Autogrammkarten, Wimpel. Sie gehören zu diesem Verein und wirken doch irgendwie ausgesperrt. Sie verfolgen das Spiel im Radio und ballen die Fäuste, wenn sie den Jubel in Stereo bekommen.

Auch Harry Siefert teilt dieses Schicksal. Während Renate Kressin zum Jubeln in den Keller geht, sitzt er auf dem Klo. Er ist als Toilettenmann im Block Q noch näher dran. Und sieht meistens trotzdem: Nüscht. Der 71-Jährige ist seit fünfundvierzig Jahren Hertha-Fan, seit sechs Jahren Rentner. Verdient sich als Klomann ein paar Euro dazu. Natürlich bei Hertha, in seinem Olympiastadion. Warum er den Job als Reinigungskraft angenommen hat? „Warum nicht, ich bin ja noch putz-munter.“ Super Witz, findet er.

Er hat ja hier sonst nicht viel zu lachen, stiert meistens die WC-Wand an, obwohl er den Rasen von hier fast riechen kann. Doch richtig Fan sein kann Siefert hier nicht. Sein Hertha-Schal verstaubt seit Monaten im Schrank. Hin und wieder packt es ihn aber doch. Manchmal übermannt ihn die Neugierde und Harry Siefert schleicht sich an den Ordnern vorbei und wirft einen scheuen Blick auf das Spielfeld. Doch schnell treibt ihn das schlechte Gewissen zurück auf seinen Stammplatz. Er hat gelernt, mit der Isolation umzugehen. Für ihn sind die Hertha-Spiele zu akustischen Ratespielen geworden. Während Jaroslav Drobny ganz in der Nähe und doch so weit weg versucht, seinen Kasten sauber zu halten, wischt Harry Siefert über Spiegel und Klobrillen und versucht angestrengt dem Spiel zu folgen. Klar würde er gerne wieder ganz vorne im Block stehen. Aber so lange er die blaue Schürze trägt, sieht er das Spiel nur in Ausschnitten. Erst im Stadion und später zu Hause im Fernsehen. „Meine Frau sagt immer, warum schaust du dir das jetzt noch mal im Fernsehen an. Du hast das Spiel doch gesehen.“ Er schüttelt amüsiert den Kopf. „Nee, sag ich dann: Nur gehört.“ Jetzt muss er lachen und seine buschigen Märchenonkel-Augenbrauen tanzen. Dann widmet er sich wieder der Wand, bis ihn der Jubel erneut nach draußen zieht. So wie jede Woche.

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Mittendrin und nicht dabei. Renate Kressin.Foto: Lucas Vogelsang


Knapp zwei Stunden vorher, kurz vor Beginn des Spiels, steht auch Renate Kressin im Block Q. Alle Kassen sind besetzt. Sie kann für ein paar Minuten durchatmen. Zeit für ihren persönlichen Stadionbesuch. Aber nur kurz. Sagt sie. Im Fanblock kommt sie nicht weit, kennt jede zweite Kutte. „Es ist ein schönes Gefühl, hier zu sein“, sagt sie. Doch lange kann sie nicht bleiben. Gleich ist Anpfiff. Renate Kressin muss zurück in den Bunker. Sie drückt noch schnell ein paar Jungs, die aussehen wie menschliche Schals, dann schleicht sie sich aus dem Fanblock. Zurück in den Schatten. Und wirkt dabei das erste Mal ein wenig betrübt. Sie weiß, was sie verpassen wird. Doch sie erstickt den kurzen Anflug von Melancholie in antrainierter Professionalität. Nur kurz gibt sie zu, dass sie schon wehmütig wird. Und „dass ich schon lieber hier im Fanblock bleiben würde“. Besonders fehlt ihr Frank Zanders Vereinslied. Tausend wogende Schals in der Berliner Luft, die Hymne wie aus einer Kehle. Als Renate Kressin zurück in Richtung Keller läuft, singen sie wieder. „Das sind die Momente, in denen es richtig weh tut“, sagt sie. „Da denke ich manchmal: warum tust du dir das eigentlich an?“ Doch diese Gedanken schiebt sie schnell beiseite. Und vertieft sich wieder in ihre Arbeit. Wie seit 30 Jahren schon.

Das Spiel ist aus. Auf dem Klo im Block Q läuft noch immer die Nachspielzeit. Siefert wischt noch mal den Boden, macht einen letzten Rundgang, wartet, bis auch der letzte Fan aus dem Stadion gewankt ist. Und auch Renate Kressin geht in die Verlängerung. Die Zahlen tanzen in ihrem Kopf. Sie weiß nicht einmal, ob ihre Hertha heute gewonnen hat. Heute war ein harter Tag. Sie wirkt überspielt. Lange wird sie den Job aber auch nicht mehr machen. „Noch drei Jahre, dann geh ich in Rente“, sagt sie und wirkt dabei so euphorisch wie eine Ein-Frau-La-Ola. Dann wird sie kein Spiel mehr verpassen. Dann ist sie wieder da, wo sie hingehört. Mit dem Schal über dem Kopf im Fanblock, Frank Zander im Ohr.

Gegen sieben verlässt dann auch Renate Kressin das Stadion. Feierabend. Nicht weit weg steigt Harry Siefert in sein Auto. Beide wollen jetzt schnell nach Hause. Gucken, wie ihre Hertha heute eigentlich gespielt hat.

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