Fanmeile : Fast nur Gewinner in Berlin

Nach dem Lokalderby gibt es eine gemeinsame Party von Deutschen und Türken auf der überfüllten Fanmeile. Polizeieinsätze gab es nur wegen eines herrenlosen Koffers und kleinerer Konflikte.

Tanja Buntrock[Stefan Jacobs],Andreas Conrad[Stefan Jacobs],Daniela Martens
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Abendmode. Die deutsch-türkische Kombi-Flagge stand symbolisch für die allergrößtenteils friedlichen Feiern.Foto: AFP

Das war knapp! Nicht nur für Löws Truppe auf dem Baseler Rasen, sondern auch vor den Millionen Fernsehern und Leinwänden, weltweit und so auch in Berlin: Bild- und Tonausfall, knapp zehn Minuten lang kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit, als zum Glück nichts Entscheidendes passierte. Aber später noch einmal, bis kurz vor dem zweiten deutschen Tor! Nicht auszudenken, wenn man das verpasst hätte.

Obwohl: Als immerhin nur noch das Bild weg war, kam sogar eine Ahnung hoch, wie das damals war beim Wunder von Bern, als ganz Deutschland vor dem Radio saß. Auch gestern Abend wurde es stadtweit in den Fantreffpunkten spürbar leiser, mit kieztypischen Kommentaren. „Randale“ und „Lasst uns eine BI gründen“ hieß es etwa im Kreuzberger Szenelokal „Kiki Blofeld“ während auf der Fanmeile am Brandenburger Tor Pfiffe gellten und auch schon mal gerufen wurde: „Steckt den Stecker wieder rein“. Gut, wenn man dann stattdessen bei Türkiyemsport am Kottbusser Tor das Spiel verfolgte: Draußen beim deutschen Sender war das Bild weg, drinnen beim türkischen Kanal war alles prima – ein Wunder der Technik von Basel.

Es war ein toller Abend, und auch eine halbe Stunde nach Abpfiff sah nichts danach aus, als würde die Stimmung noch kippen. Warum auch: Die einen gewonnen, und auch die anderen prima gespielt – beide Seiten konnten zufrieden sein, hatten sich ohnehin rasch untrennbar miteinander verwoben, deutsche Fahnen, türkische Blütenkränze, kreuz und quer.

Fanmeile
Ganz Berlin ist eine Fanmeile. Die Massen gucken und feiern am Brandenburger Tor.Foto: AFP

Die Fanmeile war schon am späten Vormittag von den Ersten erobert worden, Unruhe gab es nur gegen Mittag kurz wegen eines herrenlosen Koffers, der das Wassergewehr der Polizeifeuerwerker zum Einsatz bracht: Pffft – war er offen, nichts Gefährliches drin. Gut eine Stunde vor dem Anpfiff wurden die Tore der Fanmeile dann geschlossen: Alles voll. Einige türkische Fans beklagten sich hinterher allerdings, man habe sie nicht mehr hineingelassen, deutsche Schlachtenbummler dagegen schon.

Gut möglich, dass die Fanmeile beim Endspiel am Sonntag bis zur Siegessäule verlängert wird. Diesmal bot sie ein Bild des Friedens, der Freude, des Überschwangs, zwar dominiert von Schwarzrotgold, aber Aggressivität gegen die Minderheit hat es kaum gegeben, von einer einzelnen türkischen Fahne abgesehen, die von Deutschen nach dem zweiten Treffer der Türkei angezündet wurde. Ein Einzelfall, der das Gesamtbild nicht zu trüben vermochte. Auch die wenigen Festnahmen, gut ein Dutzend nur bei mehr als 400 000 Feiernden, spielten keine Rolle.

Und in Kreuzberg am Kottbusser Tor waren die meisten türkischen Fans schon bald umgeschwenkt und feierten den den Deutschen Sieg mit. Eine brenzlige Situation hatte es nur kurz gegeben, als vor einem kurdischen Lokal die Türken und Kurden aneinander zu geraten drohten. Die Polizei trat auf und trennte, in voller Kampfmontur, die potenziellen Streithähne durch einen Korridor – auch dies bis 23.30 Uhr nur kleine Ausnahme von dem insgesamt ausgelassenen-freudigen Bild. Ein Wechselbad der Gefühle lag hinter allen. Aber das ist man von dieser Europa-Meisterschaft ja kaum anders gewohnt.

 

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