Sport : Fanprojekte kosten Geld – Polizeieinsätze erst recht

Wegen 1700 gewaltbereiter Fans in Sachsen fordern Experten mehr Geld für die Betreuung. Doch dem Freistaat ist schon die Sicherheit in den Stadien zu teuer

Lars Spannagel

Berlin - Sachsen hat Probleme mit seinen Fußballfans, darüber sind sich Vereine, Politiker und Fanexperten einig. Wie soll man aber mit dem Problem umgehen? Und wer soll entsprechende Maßnahmen bezahlen? Über diese Fragen wird in Sachsen zurzeit heftig gestritten. Die sächsische Landesregierung ist der Meinung, Fanprojekte angemessen zu unterstützen. Ein eigenes Budget für Fanprojekte gibt es aber nicht. Stattdessen überweist das Land eine „Jugendpauschale“ an die Kommunen, in der Geld für Fanarbeit enthalten sein soll.

Die Stadt Chemnitz stellte im Februar 13 000 Euro für ein Fanprojekt zur Verfügüng. Weitere 26 000 Euro sollten je zur Hälfte vom Freistaat Sachsen und vom DFB kommen. „Das Projekt ist daran gescheitert, dass wir den Landesanteil aus der Jugendpauschale bezahlen sollten“, sagt der Leiter des Chemnitzer Jugendamts, Holger Pethke. „Aber diese ist auf Jahre verplant.“ Von der Pauschale in Höhe von 657 378 Euro im Jahr 2006 muss Chemnitz alle Jugendeinrichtungen, Schulsozialarbeit und Freizeitaktivitäten in den Ferien bezahlen. Das sind nur 11 Euro pro Person für alle Chemnitzer Kinder und Jugendlichen bis zum Alter von 21 Jahren. „Das Geld reicht so schon nicht“, sagt Pethke. Für die Fanarbeit wünscht sich Pethke daher eine gesonderte Finanzierung.

Im sächsischen Sozialministerium sieht man das anders. „Die Jugendpauschale wird sofort ausgezahlt“, sagt Ministeriumssprecher Ralph Schreiber, „die Kommunen haben so die Möglichkeit, direkt auf Landesmittel zuzugreifen.“ Auch der Haushaltsentwurf der Landesregierung für 2007 sieht keine Veränderung der Praxis vor. Fanexperten sehen Sachsens Regelung aber kritisch.

„Die Landesregierung handelt verantwortungslos, professionelle Fanarbeit ist in Sachsen absolut notwendig“, sagt Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fan-Projekte in Frankfurt am Main. Mit Aue, Dresden, Leipzig, Zwickau und Chemnitz gibt es in Sachsen fünf Städte mit traditionell großen Fangemeinden. Die sächsische Landesregierung schätzt, dass es allein in diesen fünf Städten knapp 1700 gewaltbereite Fans gibt. Die Fanbeauftragten der Vereine stehen angesichts dieses Gewaltpotentials meist auf verlorenem Posten. „Man braucht mindestens zwei hauptamtliche Mitarbeiter für jedes Fanprojekt“, sagt Gabriel, „mit dem Geld, das alleine für den Polizeieinsatz beim Risikospiel von Union Berlin bei Dynamo Dresden ausgegeben wurde, könnte ein Fanprojekt zehn Jahre lang arbeiten.“ Sicherheit koste eben Geld. In der Saison 2005/2006 fanden in Sachsen 170 polizeirelevante Fußballspiele statt, dabei waren 27 796 Polizisten insgesamt 169 835 Mannstunden im Einsatz. Dies teilte die sächsische Landesregierung auf Anfrage der Landtagsabgeordneten Elke Herrmann (Grüne) mit.

Im Freistaat werden für eine Einsatzstunde 28,12 Euro veranschlagt, das ergibt eine Summe von rund 4,77 Millionen Euro – Hubschraubereinsätze, Verpflegung der Beamten und Benzinkosten nicht mitgerechnet. Allein die Spiele des populärsten sächsischen Vereins Dynamo Dresden kosteten die sächsischen Steuerzahler während der Saison 2005/2006 1,45 Millionen Euro. Aufgrund dieser Summe will Sachsens Innenminister Albrecht Buttolo (CDU) die Vereine künftig an den Kosten der Polizeieinsätze beteiligen. Buttolo sagte am vergangenen Montag: „Wenn die Vereine nichts gegen die Gewalt im Stadion tun, muss man sich fragen, warum die Allgemeinheit für die Einsätze aufkommen soll.“

Elke Herrmann von den Grünen bezeichnet diese Forderung als ein „Ablenkungsmanöver von der Untätigkeit der Staatsregierung“ und fordert eine stabile finanzielle Basis für die Fanprojekte. Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) will hingegen ebenfalls, dass Fußballvereine für Polizisten bei Fußballspielen zahlen. „Es kann nicht sein, dass der Staat kommerzielle, hoch profitable Großveranstaltungen regelmäßig mit kostenlosen Polizeidienstleistungen subventioniert“, sagte der DPolG-Vorsitzende Wolfgang Speck.

Sebastian Walleit vom Fanprojekt Dresden hält nichts von diesen Vorschlägen. „Das würde die Vereinslandschaft lichten“, sagt Walleit, „so etwas könnte sich nicht einmal Bayern München leisten.“ In Dresden arbeiten drei hauptamtliche Mitarbeiter in Sachsens Pilotprojekt. Der Versuch läuft Ende des Jahres aus. Bis jetzt steht nicht fest, ob es eine Finanzierung für 2007 geben wird.

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