Sport : Fans gesucht

Nicht nur Hertha BSC muss um Zuschauer kämpfen. Auch in den Hallen stellt das Berliner Publikum Ansprüche

Helen Ruwald[Claus Vetter],Ingo Schmidt-Tychs

Berlin - Die Toiletten am Oberring des Olympiastadions blieben am Sonnabend während des Spiels zwischen Hertha BSC und dem FSV Mainz verschlossen. Ein Hinweis an der Glastür klärte auf: Das WC sei „nur bei Großveranstaltungen geöffnet. Bitte benutzen Sie die Toiletten im Unterring“. Ein Hertha-Spiel ist keine Großveranstaltung? Gegen Mainz kamen 35 437 Zuschauer, zudem liegt der Berliner Fußballklub über dem Mittelmaß in der Bundesliga, was seine Popularität anbetrifft. 41 130 Zuschauer sahen vergangene Saison im Schnitt die Heimspiele, das war über Ligen-Schnitt (38 191).

Doch die Auslastung im riesigen Olympiastadion liegt in dieser Saison nur bei 48 Prozent. Platz wäre also noch bei vielen Heimspielen von Hertha. Immerhin ist Berlin die größte Stadt des Landes. Doch eilt ihren Bewohnern der Ruf voraus, angesichts des großen Freizeitangebots beim Besuch von Veranstaltungen besonders wählerisch zu sein. Ist der Berliner wirklich nur „schwer begeisterungsfähig“, wie Herthas Manager Dieter Hoeneß unlängst einmal sagte? Im Falle von Hertha stimmt es wohl nicht: Der Klub ist nicht so verwurzelt wie Schalke, Borussia Dortmund oder Bayern München – und diese Klubs waren oder sind sportlich erfolgreicher.

Neben einem Titel fehlt Hertha eine regionale Identifikation. Das bestreitet der Klub auch gar nicht. „Wir sind noch keine abgeschlossene Marke“, hat Hoeneß dazu in einem Tagesspiegel-Interview gesagt. „Unsere Fankultur ist noch im Begriff zu wachsen.“ Damit sie wächst, ist Kundenwerbung gefragt, mit allen Mitteln: So konnte der Fan schon mal Tickets für 7,77 Euro in Supermärkten der Lidl-Kette erwerben. Hertha hat im Sommer 2006 sogar eine Studie in Auftrag gegeben, für Lösungen bei der Fangewinnung. Den großen Aufschwung hat es noch nicht gebracht. Torsten Seifert von der Berliner Werbeagentur Brandt & de Gelmini sagt, dass es ohne den ganz großen sportlichen Erfolg kompliziert ist, Neukunden zu interessieren. „In einer Metropole wie Berlin will der Fan Erfolg“, sagt Seifert, dessen Agentur seit 2002 für die Eisbären wirbt. „Abgesehen von Hertha, den Eisbären und Alba haben viele Berliner Klubs noch gar nicht realisiert, wie wichtig es ist, um Zuschauer zu werben.“ Und der Kampf um den Fan werde nicht einfacher. „Kommende Saison wollen die Füchse als Handball-Bundesligist 5000 Zuschauer pro Spiel ziehen, und die müssen ja irgendwo herkommen.“ Erschwerend komme in Berlin dazu, dass es nicht „den Verein“ gebe, der im allgemeinen Bewusstsein der Öffentlichkeit sei. Kiezdenken ist offenbar ein Problem.

Das Kiezdenken hat Basketball-Bundesligist Alba am ehesten überwunden. Seit einigen Jahren spielt der aus Charlottenburg stammende Klub in Prenzlauer Berg, die Fans kommen aus West wie Ost. Obwohl die Berliner 2003 den letzten ihrer sieben Meistertitel errungen haben, konnten sie 2005/2006 einen Bundesliga-Saisonrekord verzeichnen. 6922 Zuschauer sahen im Schnitt die Spiele in der 8861 Fans fassenden Max-Schmeling-Halle. Zu den ersten zehn Heimspielen dieser Saison kamen durchschnittlich 6357 Fans, so viele wie im Vorjahr.

Bei internationalen Spielen ließ das Interesse deutlich nach, als Alba nur noch im zweitklassigen Uleb-Cup antrat – doch auch hier geht die Tendenz wieder nach oben. Das Achtelfinalspiel gegen Real Madrid bescherte Alba erstmals in dieser Spielzeit sogar eine ausverkaufte Halle. „Der Zuschauer will von jedem ein bisschen: Entertainment, guten Sport, er will gut sehen und gut sitzen“, sagt Geschäftsführer Robert Mayer. Zu Alba kommen viele Familien, es gibt Familientickets und wegen der vielen Kinder wurde der Spielbeginn sonnabends auf 18.30 Uhr vorverlegt.

Was die Zuschauerresonanz anbetrifft, stehen die Eisbären trotz zweier Meistertitel in Folge von den großen Berliner Profiklubs am schlechtesten da. Mit 4500 Zuschauern pro Spiel in der Deutschen Eishockey-Liga sind sie weit entfernt von den Topklubs, die mehr als 10 000 Zuschauer haben. Allerdings ist das Sportforum mit 5000 Plätzen eine der kleinsten Hallen der Liga. „Mit Stehplätzen Neukunden zu gewinnen, ist schwierig“, sagt Detlef Kornett, Europachef des Klubeigners Anschutz. Mehr Kunden wollen die Berliner ab 2008 haben, wenn die 14 000 Zuschauer fassende O2-World am Ostbahnhof fertiggestellt ist.

Den Eisbären steht also ein Umzug in die Mitte Berlins bevor, doch noch gäbe es gegenüber ihnen „eine Hemmschwelle“ im Westen, sagt Seifert von Brandt & de Gelmini. Daher versuche man den Klub, außerhalb seines Stammbezirks ins Bewusstsein zu bringen: Wer in Kreuzberger Lokalen die Toilette aufsucht, kann schon jetzt dem Eishockeyklub begegnen. „Bessere Stehplätze gibt es bei den Eisbären“ oder „Steh auf, wenn Du ein Eisbär bist“ – diese Slogans sind in vielen Kreuzberger Gaststätten plakatiert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben