Sport : Fans hinter Gittern

Organisierte Fußball-Anhänger fühlen sich von der WM ausgeschlossen – sie kritisieren Stadionverbote und hohe Ticketpreise

Steffen Hudemann[Bremen]

Ohne Merchandising geht es auch bei den kritischen Fans nicht. Zwölf Euro kostet das T-Shirt zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006, blau oder schwarz, in allen Größen vorrätig. Doch anstelle dreier grinsender Ballgesichter zeigt das alternative Logo jene, die aus der Sicht der Fans das Turnier im Sommer übernehmen werden: die Polizei und die Wirtschaftsbosse mit dicker Zigarre und Eurozeichen in den Augen. Der Fan hingegen landet hinter Gittern. Sicherheitswahn und Kommerzialisierung, mangelnder Datenschutz und eingeschränkte Bürgerrechte – die WM in Deutschland bringt nach Ansicht des Bündnisses aktiver Fußballfans (Baff) wenig Gutes. Am Wochenende kamen ihre Mitglieder zu einem bundesweiten Kongress in Bremen zusammen.

Der Hamburger Detlef Butter ist treuer St.-Pauli-Fan, wie fast die Hälfte der rund 60 Teilnehmer, die in einem Jugendfreizeitheim diskutieren. Er hat sich keine WM-Tickets bestellt. „Die Datenerfassung, die dort vorgenommen wird, ist mir völlig suspekt“, sagt er. „Außerdem sind die Karten viel zu teuer.“ Der Fußball stehe längst nicht mehr im Mittelpunkt. „Es geht in erster Linie ums Geld.“ Vor allem aber fürchtet Butter, dass die WM ein Einfallstor für Repressalien gegen Fans sein wird. „Seit Deutschland sich um die WM beworben hat, ist die Zahl der Stadionverbote deutlich angestiegen“, sagt er. Davon seien nicht nur Hooligans betroffen. „So ein Stadionverbot handelt man sich ganz schnell ein.“ Das erlebte etwa ein Bremer Fan, der in Schalke ein bundesweites Stadionverbot bis 2008 erhielt – weil er, eigenen Angaben zufolge, auf einem Zaun gesessen und Aufkleber angepappt habe. Butter ist ziemlich zornig: „Als Fan musst du inzwischen deine Unschuld beweisen, man muss dich nicht mehr überführen.“

Was die Anhänger aus ganz Deutschland besonders bei Auswärtsfahrten erlebten, fülle ihrer Ansicht nach Bücher. Die vom Bündnis herausgegebene Sammlung „Die 100 schönsten Schikanen gegen Fußballfans“ war so erfolgreich, dass ein zweiter Teil folgen soll. Da würden ihnen etwa vor dem Stadion alte Einkaufszettel abgenommen, sagen die Fans. Denn damit könne man Feuer machen. Megaphone oder großflächige Transparente hätten im Gästeblock kaum noch Chancen.

Baff-Sprecher Johannes Stender hat sich trotz allem eine Karte für ein WM- Spiel in seinem Heimatstadion Kaiserslautern bestellt – und auch bekommen. „Ich will sehen, wie die WM in den Stadien aussieht“, sagt er. Auch er kennt das Dilemma, das viele auf der Tagung bewegt. Soll man die WM komplett boykottieren? Oder nutzt man sie für seine Anliegen und versucht, die Veranstaltung positiv zu beeinflussen, trägt damit aber womöglich zu einer gelungenen WM bei? Stender hat sich für die zweite Möglichkeit entschieden. „Wir wollen eine Gegenöffentlichkeit schaffen.“ So können die Fans sich vorstellen, vor Adidas-Fanshops gegen die Arbeitsbedingungen in der Dritten Welt zu demonstrieren oder vor einem Spiel eine Großdemo zu veranstalten. Damit hatten sie schon während des Confed-Cups in Frankfurt Aufsehen erregt.

Johannes Stender legt vor allem Wert darauf, die von ihm registrierte WM-Hysterie zu dämpfen. „Wenn sich zwei Besoffene im Stadion prügeln, ist das kein Grund für eine Hooligan-Diskussion.“ So etwas passiere bei jedem Schützenfest. Der Baff-Sprecher befürchtet, dass die umfassende Videoüberwachung auch nach der WM vorgenommen wird. Die Fans hoffen, wenigstens die bei der WM verbotenen Stehplätze auf Dauer erhalten zu können.

Dass das WM-Organisationskomitee nach der Studie der Stiftung Warentest und der Absage der Eröffnungsfeier in die Kritik gerät, empfinden viele hier mit Genugtuung. Dass viele Stadien bei einer Panik nicht sicher sind, wundert Detlef Butter nicht: „Wenn man die Stadien kennt, konnte man das ahnen.“ Und die Absage der Gala, nun ja, „ob das stattfindet oder nicht, ist mir als Fan total egal“. Um eines allerdings beneidet der 34 Jahre alte Hamburger die gesetzten Herren im Organisationskomitee. „Ich ärgere mich, dass ich nicht älter bin. Dann hätte ich die WM 1974 auf einem bezahlbaren Stehplatz erleben können.“

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